Terror gegen Frauen und Juden in Gelnhausen

Von Christine Raedler, für Unterrichtszwecke gekürzt und umgestellt von Horst Gunkel

Hexenverfolgung

Mitten in die Zeit der epochalen Umbrüche des ausgehenden Mittelalters fällt der Beginn eines gigantischen Massenmordes, der sich über Jahrhunderte hinziehen wird und fester Bestandteil des spätmittelalterlichen und neuzeitlichen Alltags ist: Die Vernichtung von Millionen Menschen, vorwiegend Frauen. Gequält, geschunden, gedemütigt, ertränkt, verbrannt; hingerichtet in dunklen Kellern, auf Marktplätzen, vor Kirchen, vor den Stadttoren. Die zunehmende Verarmung breiter Bevölkerungsschichten, Pest und Hungersnöte bestimmen die allgemeinen Lebensbedingungen der Menschen, die zugleich Ausdruck der gewaltsamen Neustrukturierung der beiden Mächte - Kirche und Staat - sind.

Im Jahr 1227 setzte Papst Gregor IX. die Institution der Inquisition durch, d.h. spezielle päpstliche Gerichte zur »Untersuchung« der der Ketzerei bezichtigten Personen. Ihre Aufgabe war die Auffindung, Überführung und Exekution von »Ketzern«.

1252 wird durch Papst Innozenz IV. die Folter als Mittel der Inquisition eingeführt.

Im 14. Jahrhundert wird das Hexenbild herausgebildet und durch die Erfindung der Buchdruckkunst verbreitet. So wird 1487 der »Hexenhammer« (Malleus maleficarum) von den Dominikaner-Inquisitoren Jakob Sprenger und Heinrich Kramer (zu Institoris latinisiert) veröffentlicht und damit die Verfolgung angeheizt. Es diente als »Handbuch der Hexenjäger. Es zeichnet sich durch seine extreme Frauenfeindlichkeit aus und begründet, warum und in welcher Weise vornehmlich Frauen als Hexen verfolgt werden sollen: »Also schlecht ist das Weib von Natur, da es schneller am Glauben zweifelt, (...) was die Grundlage für Hexerei ist.« Durch ihre gesteigerte Triebhaftigkeit seien Frauen von Natur aus stärker für teuflische Verführungen prädestiniert.

In dieser Zuspitzung auf die Frauen liegt das eigentlich Neue der frühneuzeitlichen Hexenverfolgung.

Der Bevölkerungspolitik des Staates stand das Jahrhunderte lang traditionell von Frauengeneration zu Frauengeneration weitergegebene Verhütungswissen entgegen. Empfängnisverhütung wird verteufelt, als Hexereien verschrieen und mit dem Tode bestraft. Das Ergebnis ist die Jahrhunderte währende Verfolgung und Einschüchterung von Frauen und die Vernichtung eines gynäkologischen Wissens, das sich später zur Männerdomäne entwickeln wird. Bis ins späte 18. Jahrhundert hinein brennen die Scheiterhaufen. Die letzte in Deutschland war 1775 in Kempten vorausgegangen.

Schätzungen der bei dem über fünf Jahrhunderte anhaltenden Hexenwahn in ganz Europa getöteten Menschen reichen von einer Million bis neun Millionen.

Zur Verfolgung in Gelnhausen

Nachdem man in Gelnhausen 1348/49, im Jahr der Großen Pest, bereits die Juden der Stadt als »Brunnenvergifter« exekutiert hatte, kam es gegen Ende des 16. Jahrhunderts zur Verfolgung von Frauen, die durch ihre Selbständigkeit, ihr Fachwissen oder schlicht durch ihr Frausein zu Gegnerinnen einer christlich-patriarchalischen Gesellschaft geworden waren. Neben einigen Männern und sogar Kindern wurden so mindestens 50 Frauen in Gelnhausen als »Hexen« denunziert; sie starben bei der Folter, »durch das Feuer« oder »durch das Schwert«.

Schon bald nach der Stadtgründung im Jahre 1170 lebten Juden in Gelnhausen. Wegen ihrer Finanzkraft aufgrund der ihnen zugeschobenen Zinsgeschäfte (Christen war dies verboten), standen sie unter dem besonderen Schutz des Kaisers, dem sie dafür ein Schutzgeld zahlen mussten. Seit 1265 wurden sie verpflichtet, sich durch ein »Judenabzeichen« - einen gelben spitzen Hut - zu kennzeichnen. Später wird es ein »runder gelber Ring in der Weite eines Talers« am Revers sein, den die »Judenordnung« der Stadt von 1672 vorschreibt.

1 - Bahnhof

Der Gelnhäuser Bahnhof war aber nicht nur für Gelnhäuser Juden eine Station auf ihrem Leidensweg in den Tod: Gelnhausen lag an der Hauptstrecke der Reichsbahn Richtung Osten - vorbei an der »judenfreien« Stadt rollten unzählige Züge mit deportierten Menschen in die Lager. Wenigen gelang es, durch Emigration oder Flucht der Ermordung zu entkommen. Mindestens 75 Gelnhäuser Juden wurden in den Konzentrationslagern und Gettos ermordet. Für 48 dieser lässt sich ihr Todesort weit entfernt von ihrer Heimatgemeinde nachweisen: in Auschwitz, Izbica, Theresienstadt, Litzmannstadt, Majdanek/Lublin, Minsk, Riga, und Sobibor. Sie haben kein Grab.

2 - Jüdischer Friedhof

Für den bis heute erhaltenen Friedhof hatte 1696 die Stadt den Juden die Erlaubnis erteilt, diesen mit einer Mauer zu umgeben - auf dem offen vor den Stadtmauern gelegenen Friedhof war es zu Verschmutzungen und Grabschändungen gekommen. Der älteste datierte Grabstein trägt die Jahreszahl 1616.

3 - Judengasse

Bald darauf existierte wieder eine Gemeinde - 1425 lebten 61 Juden in der Stadt, die bald jedoch wieder unter Verfolgung leiden müssen. 1576 ist die Stadt zum zweiten Mal »judenfrei«. Zehn Jahr zuvor hatte bereits der Rat der Stadt verboten, bei Juden etwas zu leihen und diesen somit weitgehend die Existenzgrundlage entzogen. Erneut siedelten sich in der Folgezeit Juden in der Stadt an. 1601 wurde mit einem Synagogenneubau begonnen, einem Vorgängerbau der noch heute als kulturelle Begegnungsstätte genutzten Synagoge in der »Judengasse« (heutige »Brentanostraße«).

Nach der Sozialstruktur des Staufischen Städtebaus, der jeder Bevölkerungsgruppe feste Standorte zuwies, ist anzunehmen, dass der Verlauf der »Judengasse« mit dem des mittelalterlichen Ghettos identisch ist, welches durch Tore vom Untermarkt und der Kuhgasse abgetrennt war. Durch das Tor zur Kuhgasse trug man die Toten hinaus zum jüdischen Friedhof am Kinzigufer.

Es kam zu einem Aufschwung durch die starke Zuwanderung jüdischer Familien aus Frankfurt nach dem Brand der dortigen Judengasse. Vom Anfang des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war Gelnhausen ein Zentrum gelehrten Rabbinertums.

1835 lebten in der Stadt mit 3595 Einwohnern 3292 Protestanten, 261 Juden und 42 Katholiken.
Begonnen hatte der Terror gegen die jüdischen Geschäftsleute in Gelnhausen bereits vor der Machtübernahme der Nazis an drei verkaufsoffenen Sonntagen vor Weihnachten 1932, indem die jüdischen Geschäfte von Männern in SA-Uniformen blockiert wurden. So hatte man in Gelnhausen den »reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte« vom l. April 1933 vorweggenommen.

Es kam zu »wilden Arisierungen«, bei denen ohne jede institutionelle Rückbindung Personen willkürlich um ihr Hab und Gut gebracht wurden, wie im Fall des Autohändlers, Tankstellen- und Kfz-Werkstattbesitzers Joseph Blumenbach: Am 23. März 1933 suchten örtliche SA-Männer in per Armbinde ausgewiesener Eigenschaft als Hilfspolizisten Haus und Geschäft heim. Anschließend waren u.a. die Geschäftsbücher, Geld und eine antike Waffensammlung verschwunden. Er selbst wurde ohne Haftbefehl abgeführt und erst am 17. Juni 1933 wieder aus der Haftanstalt Preungesheim entlassen. Er durfte seine Heimatstadt nicht mehr betreten; von Mannheim aus gelang ihm und seiner Familie die Flucht in die USA.

Auch der Rohproduktenhändler Ludwig Scheuer aus der Burg wurde 1935 nach einem brutalem Überfall mit schwersten Verletzungen ohne rechtliche Grundlage in »Schutzhaft« genommen. Man entließ ihn nach dreiwöchiger Haft nur unter der Bedingung, sofort die Stadt zu verlassen - um seinen Besitz sollte und konnte er sich folglich nicht mehr kümmern; er wird 1939 in Abwesenheit Ludwig Scheuers zwangsversteigert - oberste Nutznießerin wird die Stadt Gelnhausen.

So wie der Boykott der jüdischen Geschäfte früh erfolgt war, so hatte Gelnhausen seine »Kristallnacht« bereits im Juni 1938. Am 9. November 1938 lebte bereits kein Jude mehr in Gelnhausen, den man hätte terrorisieren können. Auch war das Synagogengebäude selbst längst »arisiert« - in dem stattlichen Steinbau lagerten die Waren eines Gemüsehändlers.

In der Nacht vom 3 .auf den 4. Juni 1938 wurden die beiden Synagogentore von städtischen Bediensteten zugemauert. Ebenso wurde der Eingang zu den gemieteten Geschäftsräumen des Gemeindevorstehers Heinrich Scheuer (Schmittgasse 22) zugemauert, sowie der Zugang seines Wohnhauses (Schmittgasse 17) mit Eisen verschlossen. Der Augenzeuge Manfred Meyer berichtet von der Synagogenzumauerung: »Samstagmorgen sagte der Synagogendiener Stein meinem Vater, wir könnten nicht in die Synagoge, da beide Tore zugemauert seien. Mein Bruder holte Siegfried Weiss; sie gingen zur Synagoge, gelangten durch das Gemeindehaus vom Küchenfenster aus in den Synagogenhof, öffneten die Türe von innen und konnten die Mauern nach außen hin einreißen, da der Zement noch sehr frisch war. Kaum war die Arbeit getan, versammelten sich Hunderte von schreienden Menschen auf dem Hof und bombardierten mit Steinwürfen den Hof, zerstörten alle Fenster der Synagoge und in dem Gemeindehaus. (...) Herr Weiss und mein Bruder blieben in der Synagoge, um sich vor dem Steinhagel der Masse zu schützen.«

Im besagten Jahr fand auch die letzte Beerdigung auf dem jüdischen Friedhof statt. Der Kreisvorsteher der jüdischen Gemeinden Richard Scheuer erinnert sich: »Selbst die Toten ließ man nicht in Ruhe und störte ihren Frieden. (...) Die Stadtbehörde verbot, den Totenwagen zu benutzen. So mußte der Sarg von dem Totenhaus zum Friedhof getragen werden. Das war ein Fest für die Jugend, die die Träger und die wenigen Menschen, die dem Sarg folgten, beschimpften. Auf dem Totenhof angelangt, sprachen wir nach uraltem Brauch bestimmte Totengebete. Der damit Beauftragte und die wenigen Gemeindemitglieder wurden von allen Seiten mit Steinen beworfen.«

Bei der Machtergreifung lebten in Gelnhausen 218 Juden. Bereits im März 1935 hatte sich die Zahl   halbiert; im März 1938 waren nur noch 40 Juden in der Stadt - Anfang November hatte man dann das Ziel, »judenfrei« zu sein, erreicht.

4 - Obermarkt

1170 erfolgte die staufische Stadtgründung. »Barbarossa« ließ die freie Reichsstadt und seine Pfalz an verkehrstechnisch optimaler Lage anlegen: an einer Furt der schiffbaren Kinzig, die spätestens seit der Mitte des 13. Jahrhunderts eine Brücke aufwies, und an der Handelsstraße zwischen Frankfurt/Main und Leipzig. Innerhalb der durch Mauern befestigten Stadt diente der Obermarkt als Mittelpunkt des bürgerlichen Lebens. Hier trafen die zwei wichtigsten Fernstraßen aufeinander, hier bot die Markthalle Verkaufsgelegenheit und Unterbringung für den Fernverkehr. Da Gelnhausen das Stapelrecht besaß, mussten fernfahrende Händler in Gelnhausen ihre Waren ein paar Tage anbieten. Hier stand die Stadtwaage, und an der Markthalle war (und ist) die »Gelnhäuser Elle« als Richtmaß angebracht. Hier errichtete das prosperierende Bürgertum seine Bürgerkirche, die Peterskirche.

In der mittelalterlichen Stadt waren Frauen auch an diesem Gewerbetreiben beteiligt. Sie waren generell von keinem Gewerbe ausgeschlossen, zu dem ihre Kräfte reichten. Neben der Organisation und Versorgung des Haushalts - unterstützt von Mägden und Tagelöhnerinnen - übernahmen die Ehefrauen einen Teil der handwerklichen Tätigkeit ihres Mannes. So arbeiteten z.B. Dachdecker mit der Ehefrau als Gehilfin. Im Gelnhäuser Stadtbuch von 1560 findet sich auch eine Hebamme unter den städtischen Bediensteten.
Im 15. Jahrhundert nimmt dann die Zahl der Gesellen zu, die keine selbständige Position als Meister erringen können. Sie schließen sich vermehrt den Meisterhaushalten an, was zu einer Verdrängung der Frauen von der mit ihren Männern geteilten Arbeit in den Haushalt und die Bearbeitung der landwirtschaftlichen Grundstücke führt.''

5 - Holztor

Zum ersten Pogrom kam es während der großen Pestepidemien 1348/49. Wie im gesamten Reichsgebiet werden auch in Gelnhausen alle Juden - Männer, Frauen und Kinder - zusammengetrieben und vor den Stadttoren als »Brunnenvergifter« verbrannt. Gelnhausen war zum ersten Mal in seiner Geschichte »judenfrei« - die Christen schuldenfrei.

Wie der Name besagt, verließ man die Stadt durch das Holztor in Richtung Stadtwald, z.B. um Holz zu holen. Vor diesem Tor lag einer der Exekutionsplätze Gelnhausens: im Jahr der Großen Pest 1348/49 wurden hier die Juden der Stadt zusammengetrieben und vor dem Holztor auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Dieser Exekution wohnten die (zwei) Bürgermeister der Stadt in Amtstracht und -kette bei.

6 Marienkirche

Die Marienkirche - ursprünglich prächtiger romanisch-gotischer Mischbau des Prämonstratenser-Ordens - wurde mit der Gelnhäuser Reformation zur evangelischen Stadtpfarrkirche.

Luthers Frauen- und Hexenbild

Luther sprach sich ausdrücklich dagegen aus, Frauen gegenüber den Männern als »minderwertig« anzusehen: Es existiert kein Recht für den Mann, das nicht auch für die Frau gilt. Daneben propagierte Luther eine geschlechtsspezifische Aufgabenverteilung, indem »das Weib für das Hauswesen, der Mann für Politik, Krieg und Rechtshandel« geschaffen sei. Sein eigenes Schöpfungsbild gerät jedoch ins Schwanken, wenn er dann doch die Frau auf ihre Gebärfähigkeit beschränkt. Da Mutterschaft ihm als der wahre von Gott geschaffene Beruf der Frau galt, sah er Frauen ohne Kinder als »schwächlich« an, weshalb diese auch für ihn weniger wert waren:
»Daher man auch siehet, wie schwach und ungesund die unfruchtbaren Weiber sind; die aber fruchtbar sind, sind gesünder, reiner und vergnügter. Auch wenn sie sich müde und zuletzt tot getragen, dazu sind sie da. Es ist besser, kurz und gesund als lange und ungesund zu leben.«
Frauen, die um Empfängnisverhütung und Abtreibung wussten und dieses Wissen anwendeten, mussten zwangsläufig zu Gegenspielerinnen für Luther werden. Folglich unterstützte die reformierte Kirche die Hexenverfolgung. In seiner »Hexenpredigt« über die Bibelstelle »Zauberinnen sollst du nicht am Leben lassen« (2. Mose 22,18) gießt er kräftig Öl ins Feuer, da sie »Milch, Butter und alles im Haus stehlen« würden, »ein Kind verzaubern« könnten und »geheimnisvolle Krankheiten im menschlichen Knie erzeugen, dass der Körper verzehrt« würde.
In Gelnhausen war die Reformation am 2.3.1543 offiziell von Peter Strupp eingeführt und bis zu seinem Tode 1567 vorangetrieben worden. Nach seinem Tod bekleideten sein Sohn Johannes Strupp - verheiratet mit Elisabeth Strupp - und sein Schwiegersohn Johannes Nicenius verheiratet mit Anna Strupp - die beiden Gelnhäuser Pfarrstellen. Von der Prosperität der Familie Strupp, die fast ein halbes Jahrhundert das Reformationsgeschehen und damit das Leben der Gemeinde in Gelnhausen bestimmt hatte, zeugt ein hölzerner Epitaph der Familie Strupp im evangelischen Gemeindehaus an der Marienkirche.
Hatte die Hexenverfolgung in Gelnhausen bislang die Frauen der sozial schwachen Schichten getroffen, so wird mit der Pfarrerswitwe des Reformatorsohnes Johannes Strupp erstmals ein Mitglied der Oberschicht denunziert.

Fall der Elisabeth Strupp
Von Elisabeth Strupp ist weder der Mädchenname noch ihre Herkunft bekannt. Wahrscheinlich war sie von auswärts. Sie hatte mehrere Kinder. Überliefert ist, dass sie der Hexenverfolgung kritisch gegenüberstand, ja sich sogar für denunzierte Frauen einzusetzen versuchte. Darüber hinaus soll sie sich mit Heilkräutem ausgekannt haben.

Am 20.7.1599 wurde die einfache Hausfrau Barbara Scherer »durch das Feuer« von ihrem Vergehen der Hexerei »befreit« - zuvor denunzierte sie Elisabeth Strupp als ihre »Hexenmeisterin«.
Damit war die Hatz gegen Elisabeth Strupp eröffnet, der man des weiteren zur Last legte, einen Teil des Kirchenschatzes entwendet zu haben.

Am 3.8.1599 wird Elisabeth Stupp als besondere Gnade enthauptet.

Vor der Kirche weist seit ihrem 400. Todestag im Jahr 1999 ein Denkmal nach der Idee der Berliner Künstlerin Fanna Kolarova und ihrer Ausführung in Stahl durch den Berliner Künstler Karl Menzen auf ihr Schicksal hin - leider ohne jeglichen schriftlichen Hinweis auf Dargestellte und Künstler. Von einem Stahlring eingeschlossen, scheint sich eine Frauengestalt, deren Umriss von einem endlosen Stahlstreifen gebildet wird, gebeugt, bald tanzend, bald mit der Kraft aller Körperglieder gegen den ihren Aktionsrahmen einengenden Ring zu stemmen. Sie bewegt sich vom Kirchenportal weg; hinter ihrem Kopf haben sich die beiden Enden des Ring verschoben - vielleicht deutet sich bereits sein Aufbrechen an? Viele Interpretationen bieten sich an und laden ein zu einer Auseinandersetzung von Angesicht zu Angesicht.

Um die Namen der anderen verfolgten Frauen zu finden und diese zu ehren, muss man sich auf den Weg zum Hexenturm machen.

7 - Halbmond

Vom Halbmond aus - einem der wehrhaften Befestigungstürme der Stadt in Richtung Büdinger Reichsforst - bietet sich dem Betrachter ein Überblick über die Stadt. Türme und Türmchen springen ins Auge: Buttenturm, Peterskirche, Schiffstor, Rathaus, Bürgerschule, Ziegeltor, Haitzer Tor, Hexenturm und allen voran der dominante Baukörper die Marienkirche, der einen regelrecht erschlägt. Diese Türme können als Symbol für das Zusammenleben in der mittelalterlichen Stadt gesehen werden: Staatsgewalt, verschiedene christliche Gemeinden, Klöster und Orden. Sie spiegelten den »Wettbewerb der Türme« der einzelnen Interessengemeinschaften, bei dem es, zum Ausdruck von Prosperität, Gebäudegröße, -höhe und -schmuck der anderen zu übertreffen galt. Den sowieso rechtlich schlechter gestellten Juden der Stadt hatte man beim Synagogenbau von 1601 Turm und Glocke von vorne herein untersagt. Vor dieser steinernen Kulisse spielte sich die Gelnhäuser Hexenverfolgung ab.

8 - Hexenturm

Der »Hexenturm«, ein bedeutendes Verteidigungsbauwerk der äußeren Stadtmauer, wurde vor der Hexenverfolgung »Fratzenstein« genannt. Die namensgebende Plastik befindet sich noch immer unterhalb des Umganges; sie blickt in Richtung Burg. Er wurde von 1447-1449 mit einer Mauerstärke von 2,80 m zur Feindabwehr gebaut. In Friedenszeiten diente der Wehrturm als Gefängnisstätte; das fensterlose Gewölbe des dreistöckigen Turmes wurde dann zum Verlies.

Während der Hexenverfolgung wurden die der Hexerei beschuldigten Frauen und Männer darin inhaftiert. Damals gab es keinen ebenerdigen Zugang zu diesem Gefängnis. Die Angeklagten - auch diejenigen, die gerade von der Folter kamen - mussten sich über eine Holztreppe zum Obergeschoss hinaufschleppen. Dort befand sich eine Tür, hinter der sich der Turmwächter aufhielt und die Gefangenen im darunter liegenden Verlies durch das »Angstloch« in der Mitte des Bodens seines Aufenthaltsraumes bewachte. Durch dieses »Angstloch« wurden die Frauen und Männer in das stockdunkle Verlies hinuntergelassen und zum Verhör wieder hinaufgezogen.

1574 z.B. waren hier 7 als »Hexen« denunzierte Frauen inhaftiert: eine von ihnen starb an den Folgen der Folter, eine wurde verbrannt, fünf wurden freigelassen - was selten vorkam. In der Regel konnte der Turm nur in Richtung der Richtstätte oder gleich in Richtung Friedhof verlassen werden. So sei stellvertretend für alle Inhaftierten Dorothea Weinland genannt: Nachdem sie während der Folter alles gestand, was die Inquisitoren von ihr hören wollten, warf man sie für drei Tage in das Verlies und verbrannte sie anschließend auf dem Scheiterhaufen.

Die Anlage heute: 1985 wurde der bis dahin nahezu unzugängliche Turm renoviert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Erbrachte das »gütliche« Verhör kein Geständnis, erfolgte zwangsläufig die Folter, bei der man verschiedene Stufen unterschied. Zuerst drohte man mit der Folter, dann wurden die Instrumente gezeigt und durch den Scharfrichter angelegt; schließlich begann man mit der »Tortur«, die sich wiederum in verschiedene Härtegrade staffelte.

Für die Unkosten des Verfahrens, die selbstverständlich die Verköstigung der Schöffen, des Gerichtsschreibers und des Scharfrichters, sowie die Unterbringung der Angeklagten und das Brennholz des Scheiterhaufens beinhalteten, mussten die Angehörigen der Verurteilten aufkommen. Dabei wurden regelrechte Geschäfte gemacht: Nach einer Rechnung des Rates von Zuckmantel aus dem Jahr 1639 brachte das Einäschern von 11 Hexen 425 Reichstaler ein. Davon empfingen Bürgermeister und Rat 9 Taler und 6 Groschen,

der Vogt 18 Taler und 6 Groschen, die Gerichtsschöffen 18 Taler und 12 Groschen, der Stadtschreiber und der Stadtdiener je 9 Taler und 6 Groschen. Der Überrest von 351 Talern und 23 Groschen wurde dem Landesherrn, dem Fürsten von Breslau, ausgehändigt.

1986 wurde am Turm eine Gedenktafel angebracht wurde. 31 Namen werden auf dieser genannt und auf die Schicksale weiterer 21 Namenloser wird hingewiesen mit den Worten: »Stellvertretend für alle, die in der Zeit der Hexenverfolgung zwischen 1584 und 1633 in Gelnhausen gefoltert und hingerichtet wurden.

Anna Petermann
Dorothea Weinland
Martha Heinrich
Ww. Margarethe Hamann
David Prescher
Frau Prescher
Katharina Zaun
Klara Krebser
Katharina Holban
Anna Dorwald Ww.
Anna Breydenbuch
Frau Dietzen
Algen Dom
David Kutsch
Marx Lerch
David Rüppel
Frau Kuppel
Frau Runkel
Das Wieselgen
Barbara Herzog Ww.
Margarethe Heinrich
Anna Heinrich
Frau Zaun
Katharina Vogel
Margarethe Reuther
Klara Geissler
Joachim Henkel
Barbara Scherer
Maria (Elisabeth) Strupp
Konrad Wiesel
Jöst Dönges
 21 Namenlose
Erinnerung ist das Geheimnis der Versöhnung
Jüdische Weisheit
Gelnhausen, April 1986.«

Unter den Genannten sind Witwen, Männer - zwei davon mit Vornamen »David«, vielleicht Juden - und vielleicht zwei Kinder: »Alchen« und »Wieselchen«.

Etwa 5 m von dieser Tafel entfernt steht die Bronzeplastik »Rufende« von Eva-Gesine Wegner aus Frankfurt/M. frei auf dem Boden. Der Leib der Rufenden erscheint fest verwurzelt mit dem Boden, auf dem sie steht. Ihren Leib bildet ein Baumstamm, der bis zum Anschlag der Knochen und Sehnen bzw. der Holzfasern unter Spannung um die eigene Achse gedreht erscheint. Auch die Arme der Rufenden sind unter starker Spannung nach oben hinter sich gerissen, als würden sie von etwas, was man nicht sieht, weggezogen. Die Augen der Rufenden sind weit aufgerissen; ihr Mund im Rufen geöffnet. Aus ihrem Leib treten Gesichter heraus, aus denen bereits alle Anspannung verschwunden ist - es sind die geschundenen Frauen, denen heutige Gelnhäuserinnen Gesichter gegeben haben, indem sie ihre Abgüsse zur Verfügung stellten. So hat die Rufende viele Gesichter und viele Stimmen: »Stellvertretend für alle, die als Hexen gefoltert und getötet wurden, rufen sie aus der Vergangenheit, heute wachsam zu sein für das Leben«.

Die letzte Station auf dem Leidensweg der als Hexen verleumdeten Frauen und Männer war ihre Hinrichtungsstätte, der Escher.

9 - Escher

Auf diesem Terrain lag im Mittelalter der Flusshafen. Weiter tritt das Gelände westlich der Kinzigbrücke bis hin zum Schiffstor unter der Bezeichnung »uff dem Escher« historisch in Erscheinung - zum einen als Exekutionsplatz für die Vollstreckung der Hexenverfolgungsprozesse (in den Jahren zwischen 1584-1633) und zum anderen als weiterer möglicher Ort der Verbrennung der als »Brunnenvergifter« gebrandmarkten Juden im Jahr der »Großen Pest« 1348/9, deren Asche man hier »auf dem Schinderwasen« begraben hatte. Die Asche der Exekutierten, ihr Geruch, könnte namensgebend gewesen sein.

Hier, auf dem damals außerhalb der Stadt, quasi vor den Stadttoren gelegenen Platz, fanden auch die Hinrichtungen mit dem Schwert statt. Am Schluss des Urteils der am 5.8.1597 hier enthaupteten Barbara Herzog wird der Escher ausdrücklich als Hinrichtungsstätte genannt: »(...) so hat ein erbar rath in die Straff dargestalt gemildert, dass sie mit dem schwert vom leben zum todt hingerichtet werden und ist solche hinrichtung und execution uff dem Escher geschehen ...«. Auch der der Zauberei bezichtigte Konrad Wiesel wurde am 1.8.1633 hier enthauptet

Die erwähnte Kapelle hatte eine ganz bestimmte Funktion zu erfüllen: Der Bürger Henne von Gaudem hatte diese turmartige Kapelle 1381 an der Kinzigbrücke bauen lassen, um den Verurteilten kurz vor ihrer Hinrichtung eine letzte Tröstung zu gewähren. Der fast quadratische Bau von 14 m Länge und 20 m Höhe hatte gleichzeitig wehrhafte Funktion: unter dem Dach befand sich ein Geschoss zur Verteidigung. Auf dem Friedhof dieser Kapelle wurden also auch schon vor der Hexenverfolgung exekutierte Christen bestattet.
Auf Anregung des regionalen Theologinnenkonventes wurde am 19.6.1993 am Escher eine Gedenktafel für die getöteten »Hexen« aufgestellt: »Die Eschergärten. Bezeichnung nach den Eschergruben der Gerberzunft. Bekannt auch als Teil des öffentlichen Richtplatzes während der Hexenverfolgung. In den Jahren 1584-1633 wurden hier unschuldige Frauen und Männer getötet. Eine Gedenkstätte befindet sich am Hexenturm.«
Kurioserweise fand diese Tafel unmittelbar am ehemaligen Eingang des Judenfriedhofs Aufstellung, der durch eine monumentale, durch Sandsteinpfeiler gerahmte Toranlage von hier aus begangen wurde, bis in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts Eingangstor und unbelegter Friedhofsgrund dem Parkplatz weichen mussten. Der Tafeltext greift die augenscheinliche Parallele jedoch nicht auf. Die jüdische Minderheit, deren angebliche »Andersartigkeit« oftmals zur gesteuerten Ab- und Ausgrenzung führte, musste ebenso als »Sündenbock« herhalten wie die als »Hexen« und »Hexer« Gebrandmarkten.

Bilanz

Es ist deutlich geworden, dass die Hexenverfolgung vornehmlich eine Massentötung von Frauen durch Männer war, denn als Theologen, Richter und Henker amtierten ausschließlich Männer. In der Zeit von 1550-1750 fielen mindestens 100.000 Personen der Hexenverfolgung zum Opfer, davon waren - auch in Gelnhausen - zu 90 % Frauen. Oftmals boten Krisensituationen wie Hungersnöte aufgrund schlechter Ernten und Pestepidemien Anlässe, hierfür »Sündenböcke« zu suchen. Während des imaginären Rundganges wurde auch der Zusammenhang zur Judenverfolgung hergestellt.


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