Horst Gunkel, Band 4 der Metta-Sangha-Saga: Nilay - der Sohn Jesu - Kapitel 23                                letztmals bearbeitet am 24.02.2026
Die fett und kursiv gedruckten Begriffe sind am Ende der Seite erläutert.
Beachte auch die Fußnoten, die kann man anklicken.


23 - Muditaratna und das Letzte Testament1


Die Mettā-Sangha nach Amitas Tod

Es sind inzwischen weitere sieben Jahre ins Land gegangen.

Nach Yuz ist nun auch Amita verstorben. Sie wurde allerdings nicht, wie ihr Mann, in einem Sarkophag im Steinernen Tempel beigesetzt, sondern auf ihren Wunsch hin in der Erde bestattet, so wie das in der Mettā-Sangha der Brauch war. Amita war es ganz wichtig, dass auf diese Art ihr Körper symbolisch dem Kreislauf des Lebens überantwortet wurde: Erde zu Erde, auf dass sich daraus neues Leben entwickle. Allgemein war man außerdem der Meinung, dass Amita - genau wie Yuz -  eine Heilige war, und nicht körperlich wiedergeboren würde.

Während die Theravadins der Ansicht waren, dass Heilige ins Nirwana eingingen und sog. Nichtwiederkehrer nicht in menschlicher Form wiedergeboren würden, sondern noch eine Zeit in der Götterwelt verbrachten, bevor sie ins Nirwana eingingen, sah man das in der Mettā-Sangha etwas anders: Man war davon überzeugt, dass Amitas Geist in einer Kraft der mitfühlenden Liebe und der Barmherzigkeit aufgegangen sei und dort weiterwirkte. Die Angehörigen der Mettā-Sangha sahen in der Grünen Tara die Personalisierung dieser Kraft. Wenn jemand die Grüne Tara visualisierte, fühlte er oder sie sich mit Tara verbunden - konnte Kraft von ihrer Kraft, Mitgefühl von ihrem Mitgefühl erhalten. Wenn jemand zur Grünen Tara betete, war es für sie, als ob man sich an Amita wendete - an eine transzendente Amita.

Und so wie man in der Grünen Tara auch Amita sah, so sah man in Amitabha - in dieser roten Buddhafigur, die ihre Hände in der Mudra der Meditation hielt - Yuz, sah Jesus, sah darin grenzenlose Liebe. Man war überzeugt, dass der Yuz, der hier im Dorf lebte, jetzt Teil dieser Kraft sei, die man Amitabha nannte. Und es war für die Sangha so, als seien sie alle Jüngerinnen und Jünger von Yuz, von Jesus - und von Amita: Jünger, die ihre Meister, das heilige Paar, im Herzen und in Geist trugen.


Taracitta führt im Geist der Gründer

Nach Amitas Tod hatte ihre Tochter Taracitta, die inzwischen auch schon Anfang 70 war, den Vorsitz im Spirituellen Rat der Mettā-Sangha übernommen. Das war zwar nie festgelegt worden - es wurde einfach von allen als selbstverständlich angenommen. Und das, obwohl sie die einzige von den drei Kindern des heiligen Paares war, die nicht ordiniert war, die ein normales Familienleben führte. Man war allgemein der Meinung, der Lebensstil - ob in einer Familie oder in einem Kloster - sei sekundär. Primär sei das sichtbare Eintreten für den Dharma. Und für die Leute im Dorf war Taracitta sichtbarer als ihre Geschwister. Und dann war da noch ihr Name: Taracitta, die, in der das Herz und der Geist Taras lebt. Damit war sie für die Menschen hier so etwas wie die sichtbare Fortführung Amitas.

Tatsächlich war Taracitta zu diesem Zeitpunkt eine der zwei nicht nichtordinierten Personen im Spirituellen Rat. Diesem gehörten weiterhin an: Bhikkhunī Maria2, Bhikkhu Nilay3, Manisha4, Bhikkhunī Shyla5, Bhikkhu Nadesh6 und Bhikkhunī Parvati7.

Die letzten beiden, die einst zusammen mit Onkel Nilay und den Ostsiedlern gekommen waren, waren nach Amitas Tod in das Gremium aufgenommen worden. Die Ordensnamen wurden inzwischen nur noch im Kloster untereinander verwendet.

Taracitta eröffnete die heutige Sitzung des Spirituellen Rates: Liebe Freundinnen und Freunde, ich möchte gern, dass uns zunächst Bhikkhu Nadesh über die neuesten Entwicklung im Projekt `wandernde Bhikkhus´ berichtet, dort gab es gestern Neuigkeiten, wie ich gehört habe.”

Bhikkhu Nadesh war nach dem Tod von Sammaditthimitta der Leiter des Projektes `Wandermönche´.


Wandernde Mönche und Nonnen - die Bilanz

Das ist richtig, Taracitta, begann Bh. Nadesh. Das Projekt läuft ja jetzt seit sechs Jahren und ist doch recht erfolgreich, alle früher zurückgekehrten Mönche, fünf an der Zahl, haben sich ausnahmslos positiv über ihre Erfahrungen geäußert.

Was die Neuigkeiten angeht: Gestern ist erstmals eine gemischte Gruppe zurückgekehrt. Wie ihr wisst, war es ja etwas umstritten, ob auch Bhikkhunīs auf Wanderschaft gehen sollten. Vor zwei Jahren hatten sich dann zwei Bhikkhunīs dazu bereit erklärt, zusammen zu gehen. Wir hatten damals allerdings beschlossen, die beiden nur in einem `lockeren Verbund´ mit zwei Mönchen gehen zu lassen. Was die Bezeichnung `lockerer Verbund´ bedeutet, sollte in der Praxis erprobt werden. Auf den Straßen außerhalb der Ortschaften gingen daher Männer und Frauen getrennt – in etwa 100 Schritten Abstand, die beiden Bhikkhunīs vorn, die Bhikkhus dann in dem angegebenen Abstand. In Dörfern und Städten ging man getrennt auf Almosengang, wobei die Männer einzeln gingen und die beiden Bhikkhunīs meist gemeinsam. Die Regenzeit verbrachten alle in einer Stadt, bei dem es sowohl ein Männer- als auch ein Frauenkloster gab. Es kam zu keinerlei der befürchteten Zwischenfälle - auch das Verhältnis zwischen Bhikkhunīs und Bhikkhus gab keinerleri Anlass, das Projekt nicht weiterlaufen zu lassen. Insgesamt sei das Vertauen und die Freundschaft zwischen allen Beteiligten gestärkt worden, habe ich gehört.”

Gab es irgendwelche Unterschiede zwischen dem Auftreten von den Bhikkhunīs und dem der Bhikkhus”, wollte Bhikkhunī Parvati wissen.

Bhikkhu Nadesh machte eine Geste, die die Wichtigkeit dieser Frage bestätigte: Das ist das besonders Interessante daran. Und es wird am deutlichsten dort, wo Bhikkhus oder Bhikkhunīs öffentliche Vorträge hielten. Wenn Bhikkhus sprachen, waren die Zuhörer fast immer männlich, nur vereinzelt brachte jemand seine Frau mit. Die Vorträge der Bhikkhunīs hingegen wurden zum größten Teil von Familien besucht. Natürlich haben unsere Nonnen dann die Themen der Zuhörerschaft angepasst. Es ging dann vor allem um angemessenes und hilfreiches Verhalten im Umgang mit anderen.”

Gibt es Erkenntnisse darüber, wie nachhaltig die Einflüsse unserer Mönche und Nonnen da draußen waren?”, wollte Bhikkhunī Shyla wissen.

Da ist besonders interessant, was die fünf anderen Mönche berichteten. Einer von ihnen ist immer andere Strecken gegangen - kann also dazu gar nichts sagen. Zwei von ihnen haben die gleiche Wanderung, die bei einem der beiden fünf, beim anderen neun Monate dauerte, jeweils zweimal gemacht. Sie berichteten, dass sie beim ersten Mal fast nur Haustürgespräche beim Betteln hatten - bei ihrem zweiten Durchgang ein Jahr später wurden sie von recht vielen Leuten gebeten, entweder Fragen, die ihnen gekommen waren, zu beantworten - oder sie wurden gebeten, am nächsten Tag wiederzukommen und vor einem größeren Freundeskreis zu sprechen. Man kann also sagen, dass das wiederholte Auftreten hilfreicher war, als in einem Ort nur einmal aufzutreten und dann nie wieder.

Interessant ist, dass einer der Mönche viermal exakt dieselbe Strecke abgegangen ist, und zwar in Gandhara, im Prinzip im größeren Umkreis um die Städte Puruschapura und Taxila herum. Von Jahr zu Jahr hat er dabei mehr Menschen erreicht: Menschen, die den Dharma zu praktizieren begonnen haben, Menschen, die mehr wissen wollten. Und dieses Jahr sind sogar insgesamt zwölf Leute von dort zu einem mehrmonatigen Besuch hierher gekommen, sie wollen prüfen, ob das Leben in der Mettā-Sangha für sie die Zukunft sein kann.”

Das sieht doch so aus, als sollten wir das Projekt fortführen, aber dabei darauf achten, dass man sich am Erfolg des letztgenannten Beispiels orientieren sollte. Das kann ich mir durchaus auch gut für die nächste gemischte Gruppe vorstellen,” kommentierte Bhikkhu Nadesh. Am bestätigenden Kopfnicken erkannte man, dass diese Auffassung allgemein geteilt wurde.


Das versteckte Mandala: Yuz‘ und Amitas letztes Geschenk

Dann kommen wir zu einem anderem Thema”, erklärte Taracitta und wandte sich ihrer Schwester zu:

Bhikkhunī Maria, du hast in der Schreibstube des Klosters einen erstaunlichen Fund gemacht: ein Palmblatt mit dem Entwurf eines Mandalas, berichte uns bitte darüber.”

Danke Taracitta! Ja, ich habe tatsächlich ein Mandala entdeckt – oder besser den Entwurf eines Mandalas – und es ist beschriftet: beschriftet mit zwei verschiedenen Handschriften. Eine davon ist eindeutig zu identifizieren an den kleinen Häkchen an einigen Buchstaben - die findet man in allen Büchern des Pāḷi-Kanon, die Yuz kopiert hat. Diese Worte sind also eindeutig von meinem Vater geschrieben worden. Es gibt aber auch zwei Worte, bei denen die Buchstaben leicht differieren. Man kann erkennen, dass das von jemandem geschrieben wurde, der zwar die Zeichen kannte, der – oder ich sollte besser sagen: die – im Schreiben aber ungeübt war, obwohl diese Person in der Rechtschreibung äußert versiert ist. Es war also jemand, die gut lesen konnte, die oft gelesen hatte, jedoch zuvor nie geschrieben hatte...”

Wie kommst du darauf, dass sie zuvor nicht geschrieben hatte, Bhikkhunī Maria?” wollte Bhikkhunī Parvati wissen.

Sie war erstens unsicher in der Pinselführung und hat zweitens etwas verwischt – das würde einem versierten Schreiber niemals passieren. Außerdem wirken die Schriftzeichen ungelenk - also typisch für jemanden, der lesen kann, aber niemals in der Schreibstube eingesetzt wurde. Ich bin überzeugt, dass es Amita war.”

Warum gerade sie?” wollte Bhikkhunī Shyla wissen.

Es gehen nicht viele Personen in unsere Schreibstube. Und eigentlich konnte niemand wissen, wo dieses Blatt zu finden war. Es war in der Saṃyutta Nikāya versteckt, genauer im Abschnitt 12.23, also im Upanisa Sutta. Meine Eltern haben sich kurz vor Yuz Tod darüber unterhalten, dass dies in Zukunft häufiger studiert werden sollte. Ich war bei diesem Gespräch anwesend. Yuz hatte ihr gesagt: `Schau noch mal genau nach, Amita, bevor ihr es studiert´. Es war ihm also klar, dass sie dieses Blatt dort finden würde, und dass sie so die Gelegenheit hatte, nach seinem Tod etwas zu ergänzen. Da ich bei dem Gespräch anwesend war, und er meine Gründlichkeit kannte, konnte er auch sicher sein, dass ich dort nachschauen werde, bevor ich es erstmals unterrichte. Yuz tat nie etwas unüberlegt. Er wollte, dass Amita es nach seinem Tod ergänzt, um darin das zu vermerken, was zu seinen Lebzeiten nicht bekannt war. Und er wusste weiterhin, dass ich es finden würde, sobald wir das Thema wieder behandeln, da auch ich seine Mahnung gehört hatte, dort nachzusehen.”

Welch ein ausgeklügelter Plan!” das war die Anmerkung von Bhikkhu Nadesh.

Ja, und vor allem, dass er das getan hat, als Bhikkhunī Maria anwesend war! Damit hat er genau das intendiert, was heute hier geschieht, dass sich der Spirituelle Rat damit beschäftigt! Aber warum eigentlich dieses Versteckspiel?”, staunte Bhikkhunī Parvati.

Und Bhikkhu Nadesh ergänzte: Er wollte damit bestimmt die Wichtigkeit dieses Mandalas unterstreichen. Er wollte das nicht mit uns im Rat diskutieren, sondern er wollte erreichen, dass es sein Vermächtnis ist, dass wir uns besonders darum kümmern!”

Und um dem noch größere Bedeutung zu verleihen, wollte er posthum auch noch Amita mit einbeziehen. Indem sie es ergänzt hat, ist es zu ihrem gemeinsamen Projekt geworden, zu dem Projekt das kongenialen Paares, das die Arbeit der Mettā-Sangha für die Zukunft bestimmen wird”, stellte Bhikkhu Nilay fest.

Bhikkhu Nadesh ergänzte noch: Mehr als das! Yuz hat auch mit Sammaditthimitta und mit mir gesprochen, und zwar über die Wichtigkeit des Wanderns, um die Sichtweise der Mettā-Sangha zu verbreiten. Er wusste, dass wir beide dafür sorgen würden, dass wandernde Mönche durchs Land ziehen würden, und dass diese dann eben auch das Mandala, das Bild, das unsere Zukunft bestimmt, verkünden werden. Selbst wenn eines Tages – aus welchem Grund auch immer – dieser Ort hier, die Mettā-Sangha, von der Landkarte verschindet – dieses Mandala und seine Bedeutung wird in der Welt sein und weiter existieren!”

Taracitta nickte nachdenklich. Wir befinden uns im Jahr 107 nach Yuz Geburt. Ich kann mir vorstellen, dass noch in ein- oder zweitausend Jahren diese Botschaft von uns weiter existiert. Stellt euch nur vor, im Jahr 2107 nach Yuz Geburt, werden sich Menschen noch mit dieser seiner Botschaft befassen, werden daraus lernen, werden auf dieser Basis praktizieren!”

Und Bhikkhunī Maria ergänzte: Er hat vor mehr als 70 Jahren in seiner alten Heimat, in Paläsatina seine Jünger ausgesandt, um seine Lehre zu verbreiten. Nach seiner Kreuzigung ist er hierhergekommen und hat seine frühere Lehre als unausgereift kritisiert. Er hat – zusammen mit Amita – daran gearbeitet, diese Lehre zu verbessern, und er hat dafür gesorgt, dass wir dieses Mandala finden und in die Welt tragen, als seine endgültige Lehre – und die seiner kongenialen Partnerin Amita. Ja, du hast recht, Taracitta: es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass dieses Mandala, das diese Lehre, die Mettā in den Mittelpunkt stellt, auch in 2000 Jahren, im Jahr 2107 noch gelehrt wird und den Menschen hilft, sich selbst und die Welt weiterzubringen!”

Es herrschte einen Moment andächtige Stille, schließlich brach Bhikkhunī Shyla das Schweigen: Jetzt würde mich aber doch interessieren, was denn eigentlich auf diesem Mandala zu sehen ist.”

Bhikkhunī Maria reichte das Bild herum, das alle ehrfürchtig betrachteten, währenddessen begann sie es zu erklären: Das Mandala stellt wie üblichen einen Kreis dar...”

Das ist für mich ein ganz eindeutiger Hinweis auf das Dharma-Cakra, das Rad der Lehre, das den Dharma symbolisiert!”, warf Bhikkhunī Shyla ein.

Bhikkhunī Maria versuchte sie etwas zu bremsen: Es gibt aber noch ein weiteres Zeichen: die fünf Figuren des Bildes, jeweils eine oben, eine unten, rechts und links im Kreis und die in der Mitte, sind auch durch eine dünne Linie verbunden, und diese beiden Linien ergeben ein Kreuz...”

Das ist eindeutig ein Zitat aus seiner Zeit in Palästina!” staunte Bhikkhunī Parvati.

Bhikkhunī Maria wollte darauf nicht eingehen: Das lass´ ich jetzt einmal so stehen, betrachten wir uns doch erst mal die Figuren, die angedeutet mit ihren spezifischen Haltungen aufgemalt sind und deren Name jeweils danebensteht. Ganz unten, also im Osten8 findet sich Akṣobhya, diese Figur zeigt die Erdberührungsgeste, wie wir klar erkennen können. Oben also im Westen befindet sich Amitābha, man erkennt ihn auch an der Meditationsgeste. Auf der rechten Seite, also im Norden sehen wir Amoghasiddhi, seine Hand zeigt die Geste der Furchtlosigkeit. Und im Süden, also links ist Ratnasambhava, er zeigt die Geste der Wunschgewährung...”

Moment!” unterbrach Bhikkhu Nadesh: Ratnasambhava wurde uns erst nach dem Tod von Yuz bekannt, er kann ihn also noch gar nicht aufgemalt haben!”

Sicher Bhikkhu Nadesh”, bestätigte Bhikkhunī Maria. Keine dieser Figuren ist von Yuz gemalt. Yuz hat - meines Wissens - nie etwas gemalt. Aber Amita hat schon für uns gemalt, als wir noch kleine Kinder waren, im Sand, aber manchmal auch auf Palmblättern, dort allerdings nur eingeritzt, wir haben diese Palmblätter unsere `Kinderbücher´ genannt. Alle diese Bilder hier sehen so aus, wie Amita gemalt hat. Und im Gegensatz zu den anderen Figuren ist der Name `Ratnasambhava´ von der unerfahrenen Schreiberin geschrieben, also von Amita.”


Vairocana - das Rätsel im Zentrum des Mandalas

Bhikkhunī Parvati, die gerade das Palmblatt in Händen hielt sagte: Im Zentrum des Kreises, dort wo sich die beiden Linien des Kreuzes treffen, ist keine Figur, aber dort steht auch ein Name: Vairocana, und er ist offensichtlich auch von Amita geschrieben. Wer ist das?”

Es stellte sich heraus, dass noch niemand jemals etwas von Vairocana gehört hatte.

Schließlich ergriff Taracitta das Wort: Diese Figur ist niemandem bekannt, möglicherweise existiert sie noch gar nicht. Vielleicht ist das der Auftrag, den das heilige Paar uns erteilt hat - dem Spirituellen Rat. Die Figur im Zentrum ist eindeutig die Wichtigste. Und auch der Name unterstreicht das: Vairocana, der Sonnengleiche! Betrachten wir es als unsere Aufgabe, diese Leerstelle zu füllen. Gehen wir alle eine zeitlang damit schwanger. Ich schlage vor, wir vergleichen unsere Ideen hier in zwei Monden9. Vielleicht kommen wir da zu einem Ergebnis. Aber: Es besteht keine Eile. Mich persönlich würde es natürlich freuen, wenn wir dieses Projekt noch zu meinen Lebzeiten abschließen könnten.”

Es wurden noch kleine, unwichtigere Themen erörtert, dann ging man auseinander – mit einem wichtigen Auftrag!


Muditaratna: Das Wunderkind der hl. Familie

Im gleichen Jahr, in dem das Mandala der fünf Jinas entdeckt wurde, wurde auch Muditaratna als Bhikkhu der Mettā-Sangha ordiniert. Wer aber ist eigentlich Muditaratna?

Muditaratna ist ein direkter Abkömmling der hl. Familie, seine Mutter war Karunamitta, deren Vater war Karunada, der wiederum der älteste Sohn vom Taracitta war, der Tochter von Amita und Yuz. Muditaratna war also der Ururenkel des heiligen Paares und der Urenkel von Taracitta, die derzeit den Vorsitz im Spirituellen Rat hatte.

Wie aber kam es, dass die Abkömmlinge des hl. Paares wichtige Funktionen in der Mettā-Sangha innehatten? Man könnte glauben, dies läge an Protektion, als habe sich gewissermaßen so etwas wie eine theokratische Dynastie etabliert.

Dem war jedoch nicht so. Bei der Besetzung aller Positionen in der Mettā-Sangha wie auch bei der Ordination ging es einzig und allein darum, wie die spirituellen Fortschritte der jeweiligen Personen waren. Und da hatten die Nachfahren von Amita und Yuz in der Tat einen entscheidenden Vorteil. Ihre Eltern waren eben auch schon in einem Elternhaus von höchster Spiritualtät aufgewachsen und nicht nur in der Schule und im Tempel im Dharma erzogen worden, sondern auch zu Hause. Als Kind hatte Muditāratna seine Freizeit im Haus Taracittas verbracht, die ihn sowie ihre beiden Urenkelinnen Muditāpada und Muditāmitta spielerisch im Dharma unterwies: Taracitta hatte mit ihnen täglich gespielt - und ihnen dabei ganz beiläufig den Dharma auf subtile Weise nahe gebracht. Und da Handlungen Folgen haben, war es kein Wunder, dass diese Kinder spirituelle Vorteile hatten.

In die Schule war Muditāratna – wie alle Kinder der Mettā-Sangha mit fünf Jahren gekommen. Seine Lehrerin war Manjula10. Aber bereits nach zwei Wochen, also kurz nachdem Muditāratna eingeschult worden war, suchte Manjula seine Mutter Karunāmitta auf, um mir ihr über Muditāratna zu sprechen. Diese nahm sie mit zu Taracitta, weil die den größten Teil der Erziehung Muditāratnas wahrnahm, spielte er doch immer zusammen mit seinen Cousinen Muditāpadma und Muditāmitta und mit Taracitta diese Spiele, die den Kinder ein tiefes Verständnis des Dharma ermöglichten.

Die Lehrerin Manjula klagte den beiden Frauen ihr Leid: Muditāratna ist den anderen Kindern soweit voraus, und zwar sowohl in der sprachlichen und intellektuellen Entwicklung als auch im Dharma-Verständnis, dass ein gemeinsames Lernen praktisch nicht möglich ist. Manchmal bringt er mit seiner tiefen Dharma-Kenntnis sogar mich in Verlegenheit, wenn ich irgendetwas vereinfachend darstelle - und er mich dann darauf aufmerksam macht, `dass man das diffenzierter betrachten müsse´, wie er sagt, und dann auch gleich noch diese tiefere Betrachtungsweise nachliefert – ein Fünfjähriger! Ich weiß mir nicht anders zu helfen, als euch zu bitten, ihn aus der Klasse der fünf- bis siebenjährigen Kinder zu nehmen und in die Klasse der acht- bis elfjährigen zu geben.”

Karunāmitta, die Mutter des Wunderkindes, sagte: Ich kann dich verstehen, Manjula, und ich glaube wie du, dass man da eingreifen muss. Aber ich fürchte, das, was du beklagst, wird sich in der Klasse der älteren Kinder in genau der gleichen Weise ereignen. Wir müssen also eine andere Lösung finden.”

Taracitta hatte sich die Beiträge der beiden jüngeren Frauen angehört, nun schaltete sie sich ein: Wir dürfen Muditāratna nicht als Teil des Problems betrachten, sondern wir müssen ihn als Teil der Lösung gewinnen. Du beklagst, er verhalte sich eher wie ein fünfzehnjähriger Student als wie ein fünfjähriger Schüler. Dann sollte wir ihn auch wie einen fünfzehnjährigen Studenten betrachten, und den würden wir auf jeden Fall in die Lösung des Problems einbeziehen. Ich schlage also vor, wir holen ihn und schildern ihm dein Problem und dann suchen wir gemeinsam – wir alle vier – nach einer Lösung.”

Dieser Vorschlag war für Manjula genauso überraschend wie für Karunāmitta. Manjula fand als erstes wieder Worte: Taracitta, du hast mich mit diesem Vorschlag genauso überrascht, wie mich Muditāratna im Unterricht immer wieder überrascht. Allmählich wird mir klar: Es gibt Denkstrukturen, die meinen eindeutig überlegen sind, du hast sie, und Muditāratna hat sie auch, vermutlich von dir.”

Taracitta lachte: Das mag sein. Aber ich habe sie auch übernommen, nämlich von meinen Eltern, von dem kongenialen heiligen Paar. Ich bin meinen Eltern unendlich dankbar dafür - daher verbringe ich auch einen großen Teil des Tages damit, diese an meine beiden Urenkelinnen und an meinen Urenkel weiterzugeben. Wenn immer einer aus jeder Generation des hl. Paares seine Gene weitergibt, die anderen aber als Mönch und Nonne wirken, dann wird das spirituelle und auch das pädagogisch-spirituelle Können von Yuz und Amita weitergegeben. Das ist der Grund, warum ich täglich mit meinen Urenkeln spiele und sie spielerisch an den Dharma heranführe.”

Inzwischen war Karunāmitta aufgestanden und hatte ihren Sohn geholt. Der war verwundert, seine Lehrerin im Gespräch mit seiner Mutter - und seiner Urgroßmutter - zu sehen: Ist etwas nicht in Ordnung? Habe ich etwas falsch gemacht?”

Dann schilderte Manjula ihr Problem. Muditāratna hörte aufmerksam zu und sagte: Ich verstehe dein Problem!”

Karunāmitta bedankte sich bei ihrem Sohn dafür - und fragte ihn: Du hast jetzt gehört, wie es Manjula derzeit im Unterricht in deiner Klasse geht, und inwiefern das ein Problem für sie ist. Nun schildere doch einmal, wie du den Unterricht empfindest. Anschließend suchen wir gemeinsam nach einer Lösung.”

Ohne lang nachdenken zu müssen, erläuterte der Fünfjährige: Ich gehe eigentlich gern in die Schule. Aber ich bin dorthin gekommen, um etwas zu lernen. Bislang habe ich dort leider nichts Neues gelernt. Wenn Manjula etwas fragt, antworte ich gern, weil ich hoffe, dass es dann schneller vorangeht und ich dadurch früher oder später auch etwas dazulernen kann. Und ein bisschen antworte ich auch - muss ich zugeben - weil es mir Freude macht, den anderen zu zeigen, wie gut ich bin. Ehrlich gesagt, habe ich auch gehofft, dass man nach diesem ersten Jahr feststellt, ich könne gleich im nächsten Jahr in die Klasse der acht- bis elfjährigen Kinder kommen, weil ich dort vielleicht noch etwas lernen kann.”

Karunāmitta lächelte ihren Sohn an: Das was du sagst, verstehe ich. Und ich finde es auch gut, dass du zugibst, dass du gerne von den anderen als der Klassenbeste betrachtet werden willst. Und du hast dir ein Ziel gesetzt: Du möchtest in einem Jahr in die Klasse der großen Kinder kommen. Es ist immer wichtig, sich Ziele zu setzen.”

Manjula sagte: Wir haben vorhin schon darüber gesprochen, dich in die Klasse der großen Kinder zu versetzen - aber deine Mutter fürchtet, dort würden die gleichen Probleme auftauchen.”

Man konnte sehen, wie es Muditāratna erschütterte, das aus seinem Plan einer Vorversetzung wohl nichts würde.

Das war genau der Moment, auf den Taracitta gewartet hatte: Du möchtest doch am Ende des Schuljahres vorversetzt werden, oder?”

Ja, unbedingt – wenn das irgendwie möglich ist.”

Taracitta nickte dem Knaben zu: Dann müssen wir die Bedingungen dafür schaffen, dass daraus etwas wird. Und das heißt, dass du in diesem Jahr etwas lernen musst!”

Muditāratna sah seine Ururgroßmutter verwundert an: Aber ich weiß doch schon viel mehr als die anderen!”

Taracitta schüttelte den Kopf: Etwas Entscheidendes kannst du noch nicht, aber du kannst es in diesem Schuljahr lernen. Und wenn du das gelernt hat, davon bin ich überzeugt, wirst du am Ende des Schuljahres in die Klasse der Großen versetzt.”

Was ist das Entscheidende, das noch fehlt, Taracitta? Bitte sage mir, was es ist, dann werde ich alles tun, um das zu verwirklichen!”

Momentan hemmst du mit deinen Antworten die anderen Schüler, selbständig eine Lösung zu finden. Aufgabe deiner Lehrerin ist es aber, genau das zu ermöglichen. Du musst also nicht versuchen, mit den andern Schülern zu wetteifern - das ist völlig unnötig. Jeder in deiner Klasse weiß, dass du der Beste bist - und deine Lehrerin weiß das auch. Du musst eine anspruchsvollere Aufgabe wahrnehmen: du musst versuchen, deine Lehrerin darin zu unterstützen, dass deine Mitschülerinnen und Mitschüler selbständig auf die Antwort kommen. Dazu musst du versuchen die Fehler in ihren Denkstrukturen zu erkennen, sie aber deswegen nicht ermahnen, sondern sie dazu führen, dass sie aus diesen falschen Denkmustern herauskommen.”

Das klingt verdammt schwierig”, gestand Muditāratna.


Muditaratnas Teamarbeit mit Manjula

Manjula antmete auf, das war in der Tat eine geniale Lösung! Der Knabe würde dann nicht mehr mit seiner Lehrerin konkurrieren, sondern würde zu ihrem Partner. Einen Moment dachte sie sogar: zu ihrem kongenialen Partner - aber das verbat sie sich schnell, denn das wäre doch zu anmaßend gewesen, statt dessen sagte sie:

Das wäre doch toll, wenn ich Fragen stelle, du untersuchst, wo die Denkfehler deiner Mitschüler liegen, und versuchst, sie auf den richtigen Pfad zu führen. Das kann ich gar nicht allein schaffen! Wie du weisst, muss ich ja auch immer auf die Disziplin achten, und dass keiner Blödsinn macht... Also, dann kann ich so einen wie dich gut gebrauchen! Und wenn die anderen dann besser sind, und auch du das Verfahren, die anderen auf die richtigen Gedankengänge zu bringen, beherrschst – dann kannst du das im nächsten Jahr auch bei den großen Kindern machen!”

Toll, Manjula - dann sind wir jetzt ein Team?”

Manjula dachte einen Augenblick nach. Das nutzte Taracitta um den nächsten Schritt zu unternehmen:

Muditaratna, du weißt doch wie wichtig es ist, dass Teams zusammenarbeiten. Und Manjula denkt gerade darüber nach, wie das denn gehen soll. Ich kann mir vorstellen, dass ihr euch jeden Tag nach dem Unterricht noch zusammensetzt und über den Unterricht sprecht, also: Was gut gelaufen ist, was nicht so gut lief und wie ihr noch besser miteinander harmonieren könnt. Kongenial sozusagen!”

Manjula zuckte zusammen, als sie dieses Wort hörte, das sonst nur im Zusammenhang mit den hl. Paar benutzt wurde. Hatte Taracitta ihre Gedanken vorhin gelesen? Oder versuchte sie nur ihren Urenkel an die Tradition seiner Ahnen zu erinnern?

Prima, dann bis morgen, Partnerin!” verabschiedete sich der Knips von seiner Lehrerin, was diese zusammenzucken ließ, aber Taracitta zu einer strengen Ermahnung bewegte:

Muditāratna, ja, ihr sein in gewissen Sinne Partner. Aber nenne deine Lehrerin nie wieder so. Sonst passiert dir dies auch, wenn andere dabei sind. Und das würde deine Lehrerin in deren Augen herabsetzen. Soviel Rücksicht und Achtsamkeit solltest du eigentlich inzwischen haben, das zu wissen!”

Muditāratna stutzte, dann sagte er: Du hast recht, Taracitta - das war unüberlegt und falsch von mir. Danke, dass du mich auf meinen Fehler aufmerksam gemacht hast.”

Dann wandte er sich an Manjula: Ich bitte dich um Verzeihung und gelobe, dass ich mich bemühen werde, nie wieder so unachtsam zu sein.” Er machte eine Verbeugung vor seiner Lehrerin und ging mit hochroten Kopf weg.

Manjula bedankte sich bei Taracitta: Du hast mir in jeder Hinsicht sehr geholfen. Du bist weise - wie deine Eltern. Und ich denke, Muditaratna wird in eure Fussstapfen treten. - Was mich immer wieder erstaunt: der Knabe spricht wie ein Erwachsener. - Nein, das stimmt nicht, ich kenne kaum einen Erwachsenen, der so klar spricht, der so klar denkt. Er spricht wie ... wie ein Mönch, wie ein besonders kluger Mönch!”

Muditāratna zog das Verabredete und das Versprochene durch. Was ihm besondere Freude bereitete, war die Nachbereitung des Unterrichts. Bald bereiteten die beiden auch gemeinsam den Unterricht für den nächsten Tag vor. Das Teamteaching, das bei den älteren Schülern und Studenten in der Mettā-Sangha üblich war, erledigten die beiden jetzt gemeinsam auch in dieser Klasse. Und selbstverständlich wurde Muditāratna nach einem Jahr, also mit sechs Jahren, in die Klasse der acht- bis elfjährigen Kinder versetzt. Hier war sein Lehrer Karunāketu11. Und natürlich arbeiteten die beiden in gleicher Weise als Team zusammen. Und auch hier war bald klar, dass er nach einem Jahr eigentlich die Schule verlassen könne.

Nach einer Absprache mit anderen, setzen sich Taracitta und Karunāketu daher mit dem Musterschüler zusammen. Karunāketu fragte ihn: Das Schuljahr endet in drei Monaten. Angenommen, wir stellen am Ende fest, dass du die Schule verlassen kannst, weil du alle Lernziele erreicht hast, was willst du dann machen?”

Ich möchte selbstverständlich Novize werden und den Dharma studieren!”

Wir hatten niemals einen so jungen Novizen”, sagte ihm Taracitta.

Dann bin ich eben der erste!” Muditaratna schien sich seiner Sache sicher.

Und in welchem Kloster willst du Novize werden?”

Natürlich hier im Mettā-Vihara!”

Taracitta seufzte - sie sah ihren Urenkel an, der zumehmend nervöser wurde - kritisch an: Hast du denn mit dem Abt schon gesprochen?”

Muditaratna war verwirrt: Mit deinem Bruder, Bhikkhu Nilay? Nein, warum?”

Aber ich habe mit meinem Bruder gesprochen. Er ist nicht bereit, dich als Novizen aufzunehmen.”

Muditaratna sah seine Urgroßmutter entgeistert an: Nicht bereit? Warum?”

Taracitta beantwortete seine Frage nicht, stattdessen sagte sie: Aber er ist bereit, dich in einem Studienkurs, also einmal wöchentlich einen halben Tag teilnehmen zu lassen: in einem Kurs, den er selbst leitet. An diesem Vormittag und an den anderen Tagen aber wirst du eine Arbeitsstelle als Handwerksbursche annehmen. Solltest du dich als tüchtiger Handwerker erweisen und außerdem den Studienkurs erfolgreich abschließen, kannst du nach einem Jahr Novize werden. Sollten deine Leistungen nicht sowohl als Student als auch als Handwerker gut sein, wird daraus nichts.”

Man konnte Muditaratna seine Enttäuschung ansehen. Er blickte seinen Lehrer an, dieser sagte: Ich kann daran nichts ändern. Aber ich kann Bhikkhu Nilay verstehen. Es ist nicht gut, wenn jemand nicht auch einmal als Handwerker gearbeitet hat. Du kannst dir ja überlegen, welches Handwerk du erlernen willst - und...”

Muditaratna unterbrach seinen Lehrer: Ich möchte als Zimmermann arbeiten - wie Jesus!”

Taracitta lächelte. Sie wäre enttäuscht gewesen, wenn sich ihr Urenkel anders entschieden hätte, als in die Fußstapfen seines Urururgroßvaters zu treten. Aber sie sagte nur: Gut!” - und stand auf.

Selbstverständlich absolvierte er die Zeit als Zimmermannslehrling und den Studienkurs mit Bravour und wurde danach Novize. Hatte er erwartet, dann bald als jüngster Mönch ordiniert zu werden, so wurde er jedoch herb enttäuscht.

Bhikkhu Nilay mutete ihm allerlei zu. Zunächst war Muditāratna für die Wartung und Reinigung der Latrinen zuständig, später durfte er in der Schreibstube arbeiten, aber immer wieder wurden weniger erfolgreiche Studenten ordiniert - er jedoch nicht. Man mutete ihm mehr als zehn Jahre Novizenschaft zu.

Bhikkhunī Maria fragte ihren Bruder irgendwann: Bhikkhu Nilay, meinst du nicht, du gehst zu streng mit Muditāratna um?”

Dieser sah seine Schwester mit Befremden an, dann sagte er: Wer leiten will, muss leiden können.”

Bhikkhunī Maria stutze einen Moment, dann hatte sie verstanden. So war das also -das hatte Bhikkhu Nilay also vor!


Muditaratnas Ordination und das Geheimnis

So war das damals, als Muditāratna ausgebildet wurde. Und jetzt - im Alter von 20 Jahren - war er endlich ordiniert worden! Er hatte harte Jahre der Prüfung hinter sich. Es waren auch die Jahre, in denen seine früheren schwachen Mitschülerinnen und Mitschüler sich verliebten, heirateten und erste Kinder bekamen. Es waren Jahre, in denen er sich fragte, ob nicht vielleicht der Lebensstil, den Yuz, Amita und Taracitta hatten, der bessere sei als der Weg in den Zölibat.

Diese Zeit war inzwischen vorbei. Und genau das war es, was Bhikkhu Nilay sehen wollte! Er merkte genau, was in dem jungen Mann vorging. Erst als dieser sich wirklich entschieden hatte, ein Leben lang Mönch zu bleiben - als Bhikkhu Nilay ihm das ansah - und als Muditāratna seine inferiore Rolle angenommen hatte, wurde er ordiniert. Die Jahre der Prüfung waren vorbei. Die Jahre des Erfolgs begannen für den noch immer sehr jungen Mann.

Es war in der Metta-Sangha üblich, dass frisch Ordinierte eine Uposatha-Feier im Steinernen Tempel ausrichteten, so also auch Bhikkhu Muditaratna. Er war aber nicht irgendein neues Mitglied des Mettā-Ordens. er war einerseits ein Nachkomme der hl. Familie, was inzwischen von den Bewohnern als irgendwie bedeutend angesehen wurde, nachdem das hl. Paar nicht mehr unter ihnen weilte. Außerdem hatte natürlich seine ungewöhnliche Schullaufbahn für Aufsehen gesorgt. Die Schulkinder hatten damals ihren Geschwistern, Eltern und Großeltern von dem Superstar” unter den Schülern erzählt, der offensichtlich sogar den Lehrern überlegen war.

Man hatte allgemein erwartet, dass Muditāratna bereits im jugendlichen Alter ordiniert würde, doch als sich seine Ordination so lange hinauszögerte, vermuteten nicht wenige, dass es möglicherweise eine Art Konkurrenzsituation zwischen ihm und dem Abt Bhikkhu Nilay gäbe: möglicherweise um die Führungsrolle innerhalb des Ordens oder der Hierarchie unter den Nachkommen des hl. Paares. Das war natürlich alles Unsinn. Es gab niemanden, der Bhikkhu Muditāratna mehr schätzte als Bhikkhu Nilay – sowie natürlich seine Urgroßmutter Taracitta, die wusste, wie sehr ihr Bruder den jungen Mann schätzte und förderte.

Und Bhikkhu Muditāratna war sich seiner Verantwortung bewusst, einer Verantwortung, der er gerecht werden wollte! Daher hatte er nicht - wie das die meisten frisch Ordinierten taten - geheim gehalten, was sein Thema in der Einführungs-Uposatha-Feier” sein würde, sondern er hatte zunächst seinen Abt gefragt, ob dieses Thema für ihn in Ordnung sei. Da es sich um ein gewichtiges, vielleicht für die Zukunft des Mettā-Ordens und der Mettā-Sangha bestimmendes Thema handelte, hatte Bhikkhu Nilay auch den Spirituellen Rat um Genehmigung gebeten, und dieser hatte sie Bhikkhu Muditāratna erteilt.

Bei der Einführungs-Uposatha-Feier” war der Steinerne Tempel dann bis auf den letzten Platz besetzt. Was heißt besetzt? Nicht nur alle Sitze waren belegt, sondern auch alle möglichen Stehplätze. Angeblich sollten sogar noch Leute vor dem Eingang gestanden - und gehofft haben, etwas von der Ansprache Bhikkhu Muditāratnas mitzubekommen. Diese Uposatha-Feier war definitiv das wichtigste Ereignis in der Mettā-Sangha seit der Beisetzung Amitas.

Die Veranstaltung begann mit der offziellen Verkündung der Ordination durch den Abt, Bhikkhu Nilay, und einer anschließenden Laudatio durch Taracitta in ihrer Eigenschaft als Vorsitzende des Spirituellen Rates. Dann übernahm Bhikkhu Muditāratna die Leitung der Veranstaltung. Der rituelle Teil lief wie üblich ab – sehr feierlich, aber ohne Überraschungen. Was die Menschen aber am meisten interessierte, war die Ansprache des neuen Ordensmitgliedes Bhikkhu Muditāratna. Die Erwartungshaltung aller Zuhörer war so groß, dass die Klügsten unter den Dorfbewohnern schon gewarnt hatten: Angesichts der übertriebenen Erwartungen sei eine Enttäuschung bereits vorprogrammiert. Sie hatten sich aber gewaltig geirrt!

Bhikkhu Muditāratna ging zum Platz des Sprechers – in anderen Religionen würde man sagen: auf den Platz des Predigers. Er sah in die Runde, dann sagte er:

Verehrte Freundinnen und Freunde, liebe Mitglieder der Mettā-Sangha, liebe Schwestern und Brüder im Mettā-Orden! Ich freue mich, dass ihr alle heute hierhergekommen seid - und ich habe vor, euch nicht zu enttäuschen, obwohl ich mir der Schwierigkeit bewusst bin, in der Tradition so großer Lehrer wie Amita, Yuz, Taracitta, Bhikkhunī Maria und Bhikkhu Nilay zu stehen.

Ich möchte euch sagen, wie sehr mir persönlich die Einführung von Meditationsfiguren - die Personalisierung der spirituellen Kräfte im Universum - geholfen hat. Ganz besonders dankbar bin ich der unvergessenen Amita, meiner Ururgroßmutter, dass sie vor langer Zeit die Figur der Grünen Tara - die Personalisierung des Prinzips von Mitgefühl, von Empathie, von Barmherzigkeit -  hier eingeführt hat.”

Er musste hierzu inhaltlich nichts sagen, alle kannten - und verehrten - die Grüne Tara, daher ging er nun zum rechten der beiden Schreine, wo die Figur der Grünen Tara stand und machte davor drei Prostrationen. Dann begab er sich wieder auf den Platz des Sprechers und fuhr fort:

Und ebenso dankbar bin ich Yuz, meinem Ururgroßvater, den die Menschen auch in einem anderen Teil der Welt als Jesus verehren. Er hat uns, der Mettā-Sangha, das Geschenk des Buddha Amitābha gemacht, einer Figur, in der wir das Herzensanliegen unserer Sangha, der Mettā-Sangha, verehren - denn der rote Buddha Amitābha steht für Mettā, bedingungslose und grenzenlose Liebe zu allen fühlenden Wesen.”

Nun begab er sich zu dem linken der beiden Schreine, auf der die Figur des Amitābha stand - und in dem die sterblichen Überreste seines Ururgroßvaters Yuz lagen - und prostrierte sich auch hier dreimal.

Zurück auf dem Platz des Sprechers erläuterte er: Zunächst jedoch hatte Yuz zu einer anderen Figur gebetet, zu einer grünen Figur, zu Amoghasiddhi, der für Furchtlosigkeit steht - und der dies mit der Geste der Gabe der Furchtlosigkeit unterstreicht, mit der zum Friedensgruß erhobenen rechten Hand. Yuz hatte diese Figur insbesondere am Anfang seiner spirituellen Praxis in der Mettā-Sangha in den Mittelpunkt gestellt. Es war sein persönlicher Weg, sich vom Gott seiner Väter, dem jüdischen Gott JHWH zu emanzipieren, einer Gottheit, die neben gütigen Zügen auch kriegerisch-grausame Eigenschaften hatte.

Yuva, die Frau, die all diese wunderschönen Figuren geschnitzt hatte – ich darf sie auch heute hier begrüßen -” an dieser Stelle zeigte er mit der flachen Hand auf Yuva, die in der ersten Reihe unter den Ehrengästen saß - und verbeugte sich dann vor ihr, Yuva hat uns Akṣobhya geschenkt, den Unerschütterlichen, der unser Vorbild ist, den Dreifachen Pfad aus Ethik, Meditation und Weisheit zu gehen und immer weiter an uns zu arbeiten, bis wir dereinst Vollkomennheit erreicht haben. Dafür danke ich dir von ganzem Herzen Yuva!”

Bhikkhu Muditaratna tat nun etwas, was keiner erwartet hatte: Er ging zu Yuva, umamte sie und küsste sie auf beide Wangen, anschließend verbeugte er sich tief vor ihr. Wäre er ein Theravada-Mönch gewesen, hätte das seine sofortige Ausstoßung aus dem Orden bedeutet - aber er war ja ein Mönch der Mettā-Sangha, wo derartiges zwar nicht üblich war, aber als ganz besondere Auszeichnung für außerordentliche Verdienste durchging.

Als Bhikkhu Muditāratna auf den Platz des Sprechers zurückgekehrt war, setzte er seine Würdigung der großen Buddhas und Bodhisattvas fort: Und schließlich haben SDM und unser Abt, Bhikkhu Nilay - der, wie ihr wisst, der direkte Nachkomme, der Sohn, des heiligen Paares ist - uns Ratnasambhava gebracht, der für Großzügigkeit, für offenherziges Geben steht, und der, wie ich weiß, von eine beträchtlichen Anzahl von euch besonders verehrt wird.” Während die Menschen applaudierten, vollzog Bhikkhu Muditāratna eine Prostration vor seinem Abt und ehrte diesen so.

Als der Applaus verklungen war, lächelte Bhikkhu Muditāratna - und blickte in die Runde, als wollte er jedem einzelnen unter den Hunderten von Zuhörerinnen und Zuhörern in die Augen sehen. Dann erhob er die Hände wie zum Segen: Das heilige Paar macht uns heute ein letztes Geschenk!”

Die Menschen wunderten sich, als nun Bhikkhunī Maria neben den Redner trat, und ein Palmblatt – vorsichtig wie eine Ikone – in ihren Händen trug.

Das heilige Paar macht uns heute ein letztes Geschenk”, widerholte Bhikkhu Muditāratna: diese beiden, Yuz und Amita, haben eine Art Testament als Geschenk hinterlassen: dieses Blatt mit fünf Figuren und deren Namen, geschrieben von Yuz und Amita persönlich, wie uns als Schriftsachverständiger Bhikkhu Nilay erklärt hat. Bhikkhunī Maria kann uns bestätigen, dass die Zeichnungen von Amita selbst sind.”

Bhikkhunī Maria nickte für alle deutlich sichtbar, und Bhikkhu Muditaratna fuhr fort: Dieses Bild zeigt uns das Mandala der fünf Jinas, der fünf Sieger. Sieger sind diejenigen, die das große Ziel, Erwachen erreicht haben. Und darauf abgebildet sind in einem Mandala, einem großen Kreis, ganz unten, also im Osten Akṣobhya, der blaue Jina, das Symbol der Unerschütterlichkeit. Hier links, im Süden, sehen wir Ratnasambhava, den gelben Jina, der Gebefreude symbolisiert. Dann ganz oben, im Norden, findet sich Amitābha, der rote Jina, der für Mettā - und für Gnade - steht. Und ganz rechts, im Norden sieht man Amoghasiddhi, den grünen Jina, der für die Gabe der Furchtlosigkeit steht. Seine Partnerin ist übrigens die Grüne Tara. Das alles scheint zunächst wenig spektakulär zu sein. Aber jeder Kreis hat ein Zentrum. Und Yuz hat auch die fünf Figuren mit Linien verbunden, die im Osten mit der im Westen, und die im Süden mit der im Norden, sodass diese Linien ein Kreuz bilden. Die Linien schneiden sich natürlich in der Mitte. Und dort im Herzen des Bildes, im Schnittpunkt der Kreuzeslinien, im Zentrum des Kreises ist eine fünfte Figur, sie ist weiß und ihr Name ist Vairocana! Liebe Männer und Frauen der Mettā-Sangha, ich präsentiere euch heute im Auftrag von Yuz und Amita, das Herzstück des Mandalas der fünf Jinas, ich verkünde euch Vairocana!”


Muditaratna, der „König der Herzen“

Man hatte ja an diesem Tag mit Vielem gerechnet - aber das toppte doch die Erwartungen aller Anwesenden. Bhikkhu Muditaratna kam hierher als nicht weniger als der Testamentsvollstrecker des hl. Paares! Es war, als seien Yuz und Amita auferstanden und weilten unter ihnen, es war wie eine Offenbarung!

Und während des allgemeinen Getümmels hatten Taracitta und ihre Schwester, Bhikkhunī Maria, ein großes Transparent entrollt - vielleicht fünf Ellen hoch und ebenso breit - rechts und links gehalten von einem Sparren: darauf hatte man in der Malerwerkstatt das Mandala der fünf Jinas gemalt. In der Mitte thronte Vairocana auf einer großen Lotosblüte, die von Löwen getragen wurde – die Gläubigen sahen es mit Staunen.

Als er den Zeitpunkt für gekommen hielt, erhob Bhikkhu Muditāratna beide Arme zum Zeichen, dass man sich beruhigen und ihm lauschen sollte – allmählich legte sich die Unruhe und Bhikkhu Muditāratna konnte fortfahren:

Jeder dieser fünf Jinas hat eine typische Handhltung, bei Akṣobhya ist es die Erdberührungsgeste, Ratnasambhava zeigt die Geste des großzügigen Gebens, bei Amoghasiddhi ist es die Geste der Furchtlosigkeit und bei Amitabha die Jhāna-Mudrā, die Meditationsgeste. Vairocana, der Erhabenste unter ihnen allen, zeigt mit seinen Händen die Geste des Raddrehens, das spielt natürlich auf das Dharma-Cakra an, das Rad der Lehre, das Symbol für den Dharma. Es symbolisiert, dass es wichtig ist das Rad, das den Edlen Achtfältigen Pfad symbolisiert, in den Mittelpunkt unseres Denkens, Redens und Handelns zu stellen. Und die Löwen, die seinen Thron tragen, sind ein Symbol des Königs der Tiere. So wie der Löwe der König der Tiere ist, so ist Vairocana der Verkünder des Dharma, der Edelste unter den Ausgezeichneten. Und so wie der durchdringende Ruf des Löwen, das lauteste Geräusch im Dschungel ist, so soll auch der Dharma die wichtigste Stimme im Konzert der spirituellen Richtungen sein.

Wir alle im Mettā-Orden, wir alle in der Mettā-Sangha, sollten den Dharma in den Mittelpunkt unseres Lebens stellen - sollten gemäß dem Dharma denken, reden und fühlen. Und eine erkleckliche Anzahl von uns Bhikkhus und Bhikkhunīs wird alsbald hinaus in die Welt ziehen - wird den Dharma verkünden - wird dabei, anders als das die Mönche bisher tun, den Menschen das Mandala der fünf Jinas als Geschenk anbieten,

Liebe Freundinnen und Freunde, wir kommen jetzt wieder zu einem rituellen Teil in unserer Uposatha-Feier. Und anschließend machen wir eine kurze Pause. Diejenigen von euch, die gehen möchten, bitte ich dann, den Tempel möglichst leise zu verlassen. Für die anderen werde ich dann eine Visualisierungsmeditation leiten, in der ihr die Visualisierungspraxis des Vairocana erlernen könnt.”

Fast alle blieben noch zu dieser Meditation und gingen dann mit erfülltem Herzen nach Hause. Noch lange sprachen die Menschen über diese Veranstaltung. Und waren nach dem Tod von Yuz und Amita deren drei Kinder, Taracitta, Bhikkhu Nilay und Bhikkhunī Maria, die angesehensten Personen, so schloss jetzt Bhikkhu Muditaratna zu dieser Gruppe auf. Er war jetzt der ungekrönte Kronprinz der Mettā-Sangha. Die anderen drei waren um die 70, er aber war gerade einmal 20 Jahre alt, ihm gehörte die Zukunft in der Mettā-Sangha. Es war, als würde gewissermaßen die dritte und vierte Generation der hl. Familie übersprungen, und Bhikkhu Muditaratna aus der fünften Generation würde wohl bald König der Herzen sein.


© 2026 Copyright by Horst Gunkel, Vacha

Fußnoten

1  Dieses Kapitel spielt im Jahr 107 u.Z.

2 Ihr Ordensname war Muditadakini

3 Mahadevamitta

4 Die frühere Karunadakini, die aus dem Orden ausgetreten war, um die Ehe mit Gulzari einzugehen und dessen Kinder aufzuziehen.

5 Ordensname Upekkhādakini

6 Ordensname Padmaloka

7 Ordensname Padmacitta

8 Im alten Asien war Osten in Landkarten und mythologischen Bildern immer unten, Westen war oben, so als würde man mit der Sonne reisen und von dort auf die Erde blicken, dann ist das Zentrum in der Mitte zwischen Ost und West der Mittag, links davon ist Süden und rechts Norden.

9 Das bedeutet in zwei Monaten.

10 Die Tochter von Bodhi und damit die Enkelin von Juva, der Bildhauerin und Holzschnitzerin.

11 Sein Onkel, ein Enkel Taracittas.



Erläuterungen

Abba – Wenn Jesus Gott anbetete, verwendete er dieses aramäische Wort für„Vater“. Er nahm nicht die Anrede JHWH, die im Tenach verwendet wurde. Während JHWH den alttestamen­tarischen strengen Gott, der ursprünglich derKriegsgott der Juden war, bezeichnet, interpretiert Jesus das Göttliche neu und sieht darin eine milde, verständnisvolle undunterstützende Vaterfigur.

Akṣobhya einer der fünf Buddhas im Mandala der fünf Jinas (Buddhas), indem wir das, was Buddhaschaft ausmacht in ihren wichtigsten fünf Teilaspekten darstellen. Akṣobhya („Der Unerschütterliche“) wird dabei als blauer Buddha dargestellt, der für Unerschütterlichkeit steht. Er wird mit der Erdberührungsgeste dargestellt (die rechte Hand berührt die Erde), was daran erinnert, dass der spätere Buddha kurz vor seiner Erleuchtung Mutter Erde als Zeugin für seinen rechten Wandel berief.

Amitābhaein nicht-historischer Buddha, häufig wird der historische Buddha zuMeditationszwecken in fünf verschiedene Figuren aufgespalten, um einzelne Aspekte von Buddhaschaft zu betonen, hierbei steht Amitabhafür Mettā (allumfassende Liebe) und Gnade. Amitabha ist auch einer der fünf Jinas, der im Osten des Mandalas der fünf Jinas dargestellt wird.

Amoghasiddhiein nicht-historischer Buddha, ein Archetyp, der im Mandala der fünf Jinas im Norden dargestellt wird. Seine Haut­farbe ist grün, er gehört zur Karma-Familie, sein Name bedeutet „vollständiges Gelingen“ und er wirdüblicherweise mit der Geste der Furchtlosigkeit dargestellt.

Archetypen - bezeichnen in der Psychologie seit C. G. Jung die dem kollektiven Unbewusstenzugehörigen Grundstrukturen menschlicher Vorstellungs- und Handlungsmuster, z.B. der jugendliche Held, der Schatten (die negativen Aspekte des Selbst), oder die anima (die weiblichen Anteile im Mann) resp. der animus (männliche Anteile der Frau)

Bhārat Gaṇarājya(Sprache: Hindi) indische Bezeichnung für Indien
Bhikkhu = (abgeküzt: Bh.) Mönch
Bhikkhuni = (abgeküzt: Bh.) Nonne
BodhisattvaFigur im Mahāyāna-Buddhismus. Bodhisattvas sind Wesen, die Erleuchtung nicht nur für sich selbst anstreben, sondern zum Wohl aller Wesen. (Im Theravāda wird das Wort nur für den späteren Buddha vor seiner Erleuchtung verwendet.)

Buddhawörtlich: Erwachte/r; eine Person, die das Ziel des Buddhismuserreicht hat und damit befreit ist von den Fesseln des Ichglaubens.

Dharmahier gewöhnlich die Bezeichnung für die Lehren des Buddha. Das Wort bedeutet Wahrheit, (Natur-)Gesetz, Wissenschaft, Lehre.

Dharma-Cakra – das achtspeichige „Rad der Lehre“ das Symbol für den Dharma („Buddhismus“), die acht Speichen stehen für den Edlen Achtfältigen Pfad.

Dreifacher Pfadeinfachste Beschreibung des buddhistischen Pfades aus (1) Ethik, (2) Meditation und (3) Weisheit, eine ausgearbeitete Version zeigt das upanisā-Sutta auf.

Edle Achtfältige Pfad, der – erste und zentrale Beschreibung des Buddha für den Pfad zur Erleuchtung. Hier werden acht Baustellen genannt, an denen wir arbeiten müssen: 1. Rechte (oder Vollkommene) Vision (Ansicht), 2. Rechte Entschlossenheit, (3) Rechtes Denken, (4) Rechtes Handeln, (5) Rechter Lebenswandel, (6) Rechtes Bemühen, (7) Rechte Achtsamkeit, (8) Rechte meditative Vertiefung

Erwachen – andere spirituelle Traditionen sprechen von Erleuchtung, im Buddhismus verwenden wir besser den Ausdruck „Erwachen“ für das, was der Buddha erreicht hat. Während unter „Erleuchtung“ jeder etwas anderes verstehen kann, beschreibt „Erwachen“ das spezifisch Buddhistische, die Tatsache, dass die erwachte Person die drei Wesensmerkmale dukkha, anicca und anattā (Leidhaftigkeit, Vergänglichkeit und Selbstlosigkeit) völlig verwirklicht hat. Es ist für die erwachte Person so, als sei alles, was vorher war, so absurd und unlogisch wie ein Traum, daher der Ausdruck „Erwachen“.

Erwachter – die deutsche Übersetzung von “Buddha”

Gandhāra – Antiker Staat mit Peschawar als Hauptstadt, der Teile des heutigen Afghanistan und Pakistan umfasste. Die frühere persische Provinz wurde von Alexander dem Großen erobert. Nach dessen Tod verfiel sein Weltreich. Hier begegneten sich indische und hellenistische Kultur. Zu Zeit des indischen Kaisers Aśoka verbreitete sich hier der Buddhismus und die buddhistischen Kultur wurde von griechischen Einflüssen geprägt. Hier entstanden auch erste Buddhabildnisse, die den griechischen Gott Apollo als Vorbild für unsere heutigen Buddhastatuen nahmen.

Grüne Tārā – Bodhisattva, die für grenzenloses Mitgefühl zu allen Wesen steht. Sie wird immersitzend dargestellt, im Begriff aufzustehen, um den leidenden Wesen aktiv zu helfen, ihre rechte Hand zeigt die Geste der Wunschgewährung. Sie hat grüne Haut, denn sie gehört zu einer Gruppe von grünen Wesen, genannt die Karmafamilie. Neben der GrünenTārā gibt es noch 20 weitere Tārās, die Grüne Tārā ist aber die bekannteste davon.

Jhāna-Mudrā – Meditationsgeste, die Handhaltung, die für die Meditation typisch ist: beide Hände liegen entspannt ineinander im Schoß, die Handflächen nach oben, die Daumen berühren sichJinas, fünf – Jina heißt Sieger; im Buddhismus ist Sieger, wer die Vollkommenheit,Buddhaschaft, Nirwana, erreicht hat. Im Mandala der fünf Jinas werden fünf archetypische Figuren gezeigt, die fürEigenschaften der Vollendung und verschiedene Weisheitsaspekte stehen

JHWHist der Eigenname des Gottes im Tanach. Da es in der hebräischen Schrift keine Vokale gibt enthält er keine Konsonanten. Ausgesprochen wird er Jahwe, oder auch Jehova.

Jinas, fünf – Jina heißt Sieger; im Buddhismus ist Sieger, wer die Vollkommenheit,Buddhaschaft, Nirwana, erreicht hat. Im Mandala der fünf Jinas werden fünf archetypische Figuren gezeigt, die fürEigenschaften der Vollendung und verschiedene Weisheitsaspekte stehen

Karmaim Buddhismus jede absichtlich ausgeführte Handlung. Es wirddavon ausgegangen, dass Handlungen Folgen haben, die (auch) auf den Verursacher zurückwirken.

MaṇḍalaWörtlich: Kreis; ein geometrisches Schaubild, das in Hinduismus und Buddhismus eine Bedeutung hat. Es ist meist quadratisch mit einem Objekt in der Mitte, das zentrale Bedeutung hat. Im Maṇḍala der fünf Jinas wird im Mittelpunkt eine Figur gezeigt, die die Eigenschaften der vier anderen Figuren umfasst.

Mettā(Pali) eine sehr positive Emotion: Wohlwollen, Zuneigung, (nichterotische) Liebe, oft als „liebende Güte“ übersetzt. Mitunter wird sie auch als „Allgüte“ bezeichnet, denn Mettā soll allen Wesen in gleicher Weise entgegen gebracht werden. Es istdas, was beispielsweise Jesus meint, wenn er sagt, man solle nicht nur seinen Nächsten lieben wie sich selbst, sondern sogar seinenFeind

Mettā BhāvanāMeditation zur Schaffung von Bedingungen damit Mettā entsteht, normalerweise in fünf Phasen geübt (1) Mettā für sich selbst, (2) für einen guten, edlen Freund/Freundin, (3) für eine neutralbesetzten Person, (4) für eine schwierige Person (Feind) und (5) für allen fühlenden Wesen.

Mettā-OrdenOrden der Mönche und Nonnen der Mettā-Sangha

Mettā-Sangha – Bezeichnung für die von Yuz und Amita gestiftete Spirituelle Gemeinschaft

Mettā-Vihāra - Kloster des Mettā-Ordens

Mudrā - Geste, viele archetypische Figuren werden mit feststehenden Attributen oder Gesten dargestellt

MuditāMitfreude

Nirwana – (auf sanskrit: nirvāṇa bzw. auf Pāḷi: nibbāna) Ziel des Buddhismus, das Wort bedeutet „verwehen“ oder Nicht-Wahn

Pāḷi-Kanon – älteste Schriftensammlung des Buddhismus, hier sind u. a. die Lehrreden des Buddha enthalten.

Prostration - „Niederwerfung“, eine Verbeugung mit dem ganzen Körper, bei der sich der Verbeugende in einer bestimmten Bewegungsabfolge auf den Boden legt und die Hände in Richtung des verehrten Objektes ausstreckt. Diese buddhistische Praxis wurde von der katholischen, ortodoxen und anglikanischen Kirche übernommen.

Puruschapura - Heute heißt die Stadt am östlichen Ausgang des Chaiber-Passes Peschawar und hat 2 Mio. Einwohner; zu Jesu´ Zeiten war die Stadt erst vor wenigen Jahrzehnten von den buddhistischen Königen Gandharas gegründet worden.

Ratnasambhava – einer der Buddhas im Mandala der fünf jinas. Diese nichthistorische mythologische Figur wird mit gelber Haut und dem wunscherfüllenden Juwel Cintamani an der Hand dargestellt. Er steht für eine der fünf hervorragendsten Eigenschaften des historischen Buddha, für dana (freundiges Geben).

Sādhana - (sanskrit: von der Wurzel 'sadh', 'geradewegs auf ein Ziel zugehen, erfolgreich sein') bezeichnet eine spirituelle Disziplin, die unternommen wird, um ein bestimmtes geistiges Ziel zu erreichen. Diese Ziele können sein, Erleuchtung zu erlangen, Befreiung aus dem Kreislauf des Lebens zu erlangen, Nirwana zu erreichen (Wikipedia). Im Vajrayana eine rituelle Meditationspraxis. Sādhana-Texte geben eine genaue Anleitung zur bildhaften Meditation auf eine oder mehrere Gottheiten: im Sadhana vereint sich der Meditierende mit dem Objekt seiner Meditation, der Gottheit.

Samādhi - „tiefe Meditation, Versenkung, spirituelle Absorbiertheit“, nach dem Sanskrit-Kanon: zwölftes upanisā, samādhi ist auch der zweite Teil des Dreifachen Pfades

Saṃyutta Nikāya - („Die Gruppierte Sammlung“) ist eine Sammlung buddhistischer Texte; sie ist eine der fünf Nikāyas (Sammlungen), aus denen die Suttapitaka (Korb der Lehrreden) besteht. Der „Korb der Lehrreden“ ist einer von drei „Körben“, die den Pāḷi-Kanon ausmachen. Das Wort „Korb“ wird verwendet, da bei den Konzilen die Titel der Lehreden auf Palmblättern notiert waren, und diese für die Kanonisierung in Körben vorsortiert wurden.

Sanghaspirituelle Gemeinschaft, hier besonders für die Gemeinschaft der Schülerinnen und Schüler des Buddha. Zur Sangha in engeren Sinn gehören nur Mönche und Nonnen, zur Sangha im engsten Sinn nurErleuchtete.

Tanach - oder Tenach (hebr. תנ״ך TNK) ist eine von mehreren Bezeichnungen für die Hebräische Bibel, dieSammlung der heiligen Schriften des Judentums er enthält unter anderem die Tora (Weisung). Das Christentum hat alle Bücher desTanach - etwas anders geordnet – übernommen. Sie sind das Alte Testament.

Tārā siehe Grüne Tārā

Taxila - war die historische Hauptstadt des Reiches Gandhara, das sich über die östlichen Gebiete des heutigen Afghanistan und den Nordwesten Pakistans erstreckte. Die Herrschaft hatten ab etwa 19 u.Z. die Parther. Deren König Gondophares soll der Überlieferung gemäß den Apostel Thomas an seinem Hof zu Gast gehabt haben. (Quelle: Wikipedia 19.4.2024)

Theravāda - eine der frühen Schulen des Buddhismus, die einzige Hinayana-Richtung, die noch existiert. Theravāda bedeutet „Schule der Älteren“, was darauf hinweisen soll, dass ihre Anhänger den Buddhismus so praktizieren, wie das der Buddha selbst gemacht hat. Bei ihnen stehen die Lehrereden des Pāḷi-Kanon, der ältesten buddh. Schriften im Mittelpunkt.

Upanisā – Vom Buddha wurde im upanisā sutta eine Reihe von aufeinander aufbauenden und sich gegenseitig verstärkenden Bedingungen für eine spirituell positive Entwicklung aufgezeigt. Ich übersetze upanisā mit "Voraussetzung". Im upanisā sutta ist der Pfad in – je nach Quelle – 12 bzw. 17 upanisās aufgeteilt, damit stellt er eine ausgearbeitete Variante des Dreifachen Pfades dar.

Uposathaheißt wörtlich Fastentag. In der Mettā-Sangha findet an diesem Tag eine Ritualfeier statt, bei der sich Meditation, Gesang, Vortrag und Gesprächsgruppen abwechseln.

Vairocana – zentrale Figur im Mandala der fünf Jinas. Seine Haut ist weiß, er zeigt die Geste des Raddrehens, sein Symboltier ist der Löwe, er gilt als Verkörperung der absoluten Wahrheit.

Zufluchten und Vorsätzeein Ritual, mit dem sich BuddhistInnen (meist morgens) daran erinnern, dass sie die drei Juwelen oder Zufluchten (Buddha, Dharma und Sangha) in den Mittelpunkt ihres Lebens stellen, außerdem die pañcasīla, die fünf Vorsätze für Laien (Gewaltlosigkeit, Großzügigkeit, Wahrhaftigkeit, Genügsamkeit und Achtsamkeit)


Zurück zur Übersicht Band 4: Nilay - der Sohn Jesu

zur Seite Die Jesus-Trilogie

zur Heimatseite

© 2026 Copyright by Horst Gunkel, Vacha