Horst Gunkel, Band 4 der Metta-Sangha-Saga: Nilay - der Sohn Jesu - Kapitel 18                                     letztmals bearbeitet am 20.02.2026
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18 - Gründung des Mettā-Ordens1


Die letzte Wanderung des Mönchs

Er ging langsam, aber stetig – trotz seines hohen Alters. Er schaffte immer noch 15 Meilen am Tag, im Gebirge etwas weniger. Aber das Übernachten auf dem Boden quälte ihn zunehmend. Hätte er diese Reise nur zehn Jahre früher unternommen! Aber da war er sich noch nicht sicher, ob er es wagen sollte. Bis dahin war er meist als Wandermönch unterwegs. Vor zehn Jahren hatte er sich dann im Theravada-Kloster in Puruschapura niedergelassen.

Damals hatte er sich noch nicht getraut, zur Mettā-Sangha zu gehen. Zu schmerzlich war ihm sein Aufenthalt vor vielen Jahren dort noch in Erinnerung. Aber in diesem Winter hatte er sich entschieden: Wenn er nicht in diesem Jahr ginge, würde es für ihn zu spät sein. Noch würde er – aller Wahrscheinlichkeit nach – den Weg zur Mettā-Sangha schaffen.

Jetzt, da er die Berge hinter sich gelassen hatte und im Tal ging, wusste er es definitiv: das würde seine letzte Wanderung sein. Er würde sein Leben in der Mettā-Sangha beenden dem besten Platz, den es im ganzen Land gab. Er legte sich abends bei Einbruch der Dunkelheit hin. Nach zwei bis drei Stunden musste er aufstehen, etwas auf und abgehen, so gut es in der Dunkelheit eben ging, damit sich sein Rücken etwas erholen konnte. Dann legte er sich nochmal für zwei Stunden hin, die Müdigkeit war jetzt stärker als die Schmerzen. Nach zwei Stunden wieder aufgewacht: der Rücken. Nochmal auf- und abgegangen. Dann noch ein, anderthalb Stunden liegen, wenn er Glück hatte: etwas Schlaf finden.

Jetzt am Tag war er auch müde, aber er ging unentwegt weiter. Wenn es gut ging, musste er nur noch einmal auf dem harten Boden übernachten. Gegessen hatte er schon seit drei Tagen nichts mehr. Seine Vorräte waren aufgebraucht, und nirgends eine Stelle, wo man etwas erbetteln konnte. Und jetzt im Frühjahr fand man hier auch nichts zu essen, es wuchs ja noch nichts zur Reife heran! Aber der Hunger war nicht sein Problem sondern der Rücken.

Die letzte Übernachtung war etwas erholsamer, das Gras war hier im Tal schon ein wenig gewachsen, und so war es ein bisschen weicher als zuvor im Gebirgswald. So froh wie am nächsten Morgen war er noch nie: Heute würde er sein letztes Reiseziel erreichen. Es war noch nicht Mittag, da sah er in der Ferne den Ort.

Das soll die Mettā-Sangha sein? Der Ort war drei-, vielleicht viermal so groß wie damals. Es waren auch größere Gebäude da. Vorn am Weg stand gar ein dreistöckiger Gebäudekomplex! Anderthalb Stunden nachdem er den Ort erblickt hatte, kam er dort an. Vor diesen Gebäudekomplex, dessen drittes Stockwerk noch im Bau war, standen zahlreiche Tische und Bänke. Es schien sich um ein großes Gasthaus zu handeln. Er kam näher. Es war nur spärlich besucht, vor allem von alten und kranken Menschen.

Er nahm am ersten Tisch Platz – ach, was tat das gut sich auszuruhen! Eine junge Frau kam auf ihn zu: „Ihr seid hungrig ehrwürdiger Mönch, kann ich Euch etwas zu Essen bringen?“

Er fragte vorsichtshalber: „Ihr wisst, dass ich ein Mönch bin und kein Geld habe?“

Ja sicher, aber etwas zu essen und einen Krug Wasser werdet Ihr sicher nicht verschmähen?“

Nein, das wäre schön!“

So wohl wie in diesem Augenblick hatte er sich noch nie gefühlt: Es gab sie noch, die Mettā-Sangha! Es war ihm, als wäre er, einer der sein Leben lang gewandert ist, endlich nach Hause gekommen.

Die junge Frau kam zurück und brachte einen Krug mit Wasser, einen Becher, eine große Schüssel mit Eintopf und einen Brotfladen.

„Lasst es Euch schmecken!“ wünschte ihm die junge Dame.

Er bedankte sich – obwohl Mönche das normalerweise nicht taten, denn diejenigen, die ihnen etwas spendeten, machten sich damit schließlich gutes Karma, was mehr als Dank genug war. Aber er hatte das Bedürfnis sich zu bedanken. Und er sah ihr sogar noch einen Moment nach. `Warum auch nicht´, dachte er sich. `Ich betrachte ja auch schöne Blumen.´ Früher hätte er es nie gewagt, eine Frau länger als unbedingt nötig anzusehen. Aber er wusste auch, dass es keinen Grund mehr gab, sich diesen Anblick nicht zu gönnen. Es war nur noch ein ästhetischer Genuss, nichts, was Verlangen in ihm aufsteigen ließ.

Er war alsdann vertieft in sein Essen – wie gut das tat nach der langen Hungerpause! – so vertieft, dass er gar nicht bemerkte, wie sich ein anderer an den Tisch gesetzt hatte. Das fiel ihm erst auf, als dieser ihn ansprach: „Du musst sehr hungrig sein, Diṭṭhimitta!“

Diṭṭhimitta sah auf und erblickte einen lächelnden Mann.  Kann das....? – Ja sicher, er war natürlich auch gealtert!

Yuz, wie schön dich zu sehen. Ach, bin ich dankbar, dass es das hier alles noch gibt.“

Yuz zollte ihm Anerkennung: „Dass du in deinem Alter noch solche Strecken gehst, ist erstaunlich. Wohin möchtest du denn?“

Diṭṭhimitta, deutlich vom Alter gezeichnet, obgleich er noch einige Jahre jünger war als Yuz, liefen die Tränen über die Wangen, als er fragte: „Ich weiß, dass ich früher dumm und arrogant war, du aber hast mir die Augen geöffnet, du und diese Frauen aus der Mettā-Sangha. Ich bitte dich daher heute um Aufnahme in eure Sangha.“

Yuz rief einen Mann herbei und beauftragte ihn mit etwas. Dann wandte er sich an den Mönch: „Das freut mich, dass du zu uns kommst. Willkommen in der Mettā-Sangha. Jetzt iss aber erst einmal auf, und dann erzählst du mir, was du in den letzten 35 Jahren gemacht hast, so lange dürfte das jetzt her sein.

Das tat Diṭṭhimitta dann - doch plötzlich unterbrach er sich, denn das, was er da sah, erstaunte ihn im höchsten Maße. Ein anderer Mönch kam auf ihn zu. Zu dem sagte Yuz: „Nimm bitte Platz. Ich glaube, ihr beide kennt euch noch gar nicht, das hier ist Ditthimitta, der erste Mönch, der vor langer Zeit die Mettā-Sangha besucht hat. Und dieser junge Mann hier wurde im gleichen Kloster ordiniert wie ich auch - nur dass er Mönch geblieben ist, das ist Mahadevamitta, mein Sohn.“

Diṭṭhimitta stand der Mund vor Erstaunen offen, dann sah er von einem zum anderen, bevor er sagte: „Yuz, damals, als ich noch unwissend war, glaubte ich, du hättest den Mönchsstand verraten, als du die Robe niedergelegt hast. Jetzt sehe ich, dass du nicht nur die vielleicht beste Sangha der Welt geschaffen hast, sondern sogar einen neuen Mönch gezeugt hast, gewissermaßen statt deiner.“

Yuz wandte sich an seinen Sohn: „Diṭṭhimitta möchte hier bleiben, was denkst du, wo er wohnen sollte?“

Am besten natürlich in der Männereremitage, dort soll binnen der nächsten zehn Jahre ein Kloster entstehen. Allerdings nur unter einer Bedingung.“

War er bei dem Wort `Männereremitage´ hocherfreut und bei dem Wort `Kloster´ sogar entzückt gewesen, so wurde ihm jetzt bange, als eine Bedingung im Raum stand; es war ein heftiges Wechselspiel der Gefühle in ihm.

Welcher Bedingung?“, fragte Diṭṭhimitta zögerlich.

Das mit deinem Namen geht nicht. Das ist weder gut für dich noch für das Ansehen der Mettā-Sangha“, erklärte Mahadevamitta.

Ich weiß, mir gefällt dieser Name auch nicht, aber es ist nun mal mein Ordensname,“ klagte Diṭṭhimitta mit häbgenden Schultern.

Dennoch, es geht nicht, du kannst nur bleiben, wenn du bereit bist eine kleine Änderung an deinem Namen vorzunehmen. Wir werden dich künftig Sammadiṭṭhimitta2 nennen. Wenn du unter diesen Umständen bereit bist, bei uns zu bleiben - dann herzlich willkommen in der Mettā-Sangha“.

Jetzt weinte Sammadiṭṭhimitta so heftig, dass Yuz ihn in den Arm nahm. Schließlich schluchzte der Mönch: „Das ist der schönste Tag meines Lebens. Ich bin endlich zuhause angekommen. Ich bin Teil der Mettā-Sangha. Und ich werde jetzt so genannt, wie ich es mir immer gewünscht habe.“

Inzwischen hast du dir deinen Namen ja auch verdient“, tröstete ihn Yuz.

Da hast du recht - als ich das erste Mal hier ankam, hatte ich meinen alten Namen zu recht getragen. Aber du und diese Frauen, ihr habt mich geheilt“, seufzte Sammadiṭṭhimitta.

Wir haben dir nur den nötigen Anstoß gegeben: Den Heilungsprozess hast du dann selbst vollzogen. Als du dich dann selbst geheilt hattest, wurdest du vom Diṭṭhimitta zu Sammadiṭṭhimitta.“


Ein neuer Mönch in der Männereremitage

Wenn du magst, zeige ich dir jetzt unser Dorf“, bot Mahadevamitta an.

Gerne!“

Dann führte Mahadevamitta seinen neuen Mitbewohner erst durch Ākāśaloka, dann ging es über den Blumenweg zum Schulgebäude und zum Großen Tempel und vorbei am alten Gasthof. Wo immer sie entlang kamen, steckten die Menschen die Köpfe zusammen und tuschelten: Früher gab es hier nie Mönche oder Nonnen, dann kamen plötzlich und unerwartet Mahadevamitta und Bhikkhunī Manisha und jetzt gar ein weiterer Mönch – es änderte sich etwas in der Mettā-Sangha!

Die beiden Mönche gingen dann zur Männereremitage: Hier wohnen wir”, beschied ihn Mahadevamitta.

Das ist ja fast wie in Puruschapura!” freute sich Sammadiṭṭhimitta.

Genau, mein Lieber, davon habe ich es mir abgeguckt, das war nämlich der erste Ort, an dem ich Novize war. - Und jetzt möchte ich dir noch etwas zeigen, versprach Mahadevamitta seinem neuen Freund.

Dann führte er Sammadiṭṭhimitta zur Eremitage der Frauen. Bhikkhunī Manisha kam auf sie zu, als sie die beiden hörte, und rief ohnen entgegen: Herzlich willkommen!”

Eine Nonne, ihr habt hier auch eine Nonne!” wunderte sich der Neue.

Mahadevamitta sah ihn lächelnd an: Aber sicher Sammadiṭṭhimitt, - wie du weißt gibt es in der Mettā-Sangha sehr kluge Frauen. Also brauchen wir hier demnächst auch ein Nonnenkloster, darf ich dir Bhikkhunī Manisha vorstellen.”

Die beiden verbeugten sich voreinander. Dann erläuterte Mahadevamitta: Zu den Regeln in der Mettā-Sangha gehört übrigens, dass Mönche und Nonnen miteinander reden dürfen und dass sie einander ansehen dürfen. Allerdings dürfen in das Frauengebäude keine Männer, also auch keine Mönche. Für das Männergebäude gilt natürlich das gleiche.” Mahadevamitta hatte diese Regel gerade neu erfunden, aber er war sich sicher, dass Bhikkhunī Manisha das auch so sah.

Dann setzten sich die drei vor die Fraueneremitage. Bhikkhunī Manisha sagte: Ich schlage vor, wir meditieren jetzt gemeinsam, und später tauschen wir uns untereinander über das aus, was uns am Herzen liegt. Du hast sicher auch noch einige Fragen Sammadiṭṭhimitta.”

Es war das erste Mal, dass Sammadiṭṭhimitta zusammen mit einer Nonne meditierte. Es war als wäre er in einem neuen Leben angekommen. Er war einfach dankbar.

Später stellten Bhikkhunī Manisha und Mahadevamitta ihrem neuen Mitbewohner auch die `Blaugekleideten´ vor, als diese vom Studium kamen. Das waren zu dem Zeitpunkt - neben Shyla - noch drei Frauen und drei Männer.

Nach der Regenzeit zogen die `Blaugekleideten´ zusammen mit Nadesh und Parvati gen Osten, um in Ghora Katora bzw. in der Weißen Wolke zu Novizinnen und Novizen zu werden.


Die Rückkehr der Ordinierten

Es war aber erst ein knappes Jahr später, im Frühling, als Nadesh und Parvati wieder zurückkehrten. Bis dahin waren die beiden Eremitagen zunächst recht leer, im Laufe der Zeit hatten sich dann aber zwei Frauen und drei Männer entschieden, `Blaubekleidete´ zu werden. Unter den Novizen befand sich auch Karunabandhu, der Sohn von Taracitta.

Die Rückkehr der Neuordinierten unter Anführung von Nadesh und Parvati war alles andere als spektakulär, denn sie reisten an einem Uposatha an, sie trafen zur siebten Stunde ein, als fast alle im Tempel zur Uposatha-Feier waren. Sie kamen an - und gingen in den neuen Gasthof, allerdings nicht um zu essen, denn die Mittagsstunde war vorbei, heute würden sie wieder einmal nichts zu essen bekommen.

Parvati ging dann in den Tempel, um nachzusehen, wer von den wichtigen Figuren bei dieser Feier abkömmlich war. Sie stellte fest, dass die Leitung der Veranstalltung heute bei Mahadevamitta, Yuz und Amita lag  - also ging sie zu Amita. Als diese Parvati sah, wusste sie natürlich genau, was geschehen war und folgte ihr. Draußen fragte sie Parvati als erstes: Gab es Schwierigkeiten?”

Nein, eigentlich ist alles planmäßig gelaufen, nur einer der Männer hat sich entschieden, als Mönch bei der Weißen Wolke zu bleiben, sodass wir also nur drei Mönche und drei Nonnen mitgebracht haben.”

Yuz war natürlich aufgefallen, dass Parvati auftauchte und Amita verschwand. Er wusste, was das bedeutete, und stellte sich darauf ein, dass diese Uposatha-Veranstaltung etwas anders verlief als geplant. Er hatte daher Kalenian informiert, dass dieser einen besonderen Gesang ankündigen musste, wenn die Neuordinierten eintrafen.

Und tatsächlich: während der Veranstaltung erschien dann Nardesh in der Tür und blieb dort stehen. Er fixierte Yuz, der das bemerkte. Kurz darauf sah Yuz den geeigneten Zeitpunkt gekommen und er sagte:

Liebe Frauen und Männer der Mettā-Sangha wir werden heute etwas von üblichen Ablauf abweichen, denn es gilt ein besonderes Ereignis zu feiern. Zunächst darf ich aber einmal Bhikkhunī Manisha, Mahadevamitta und Sammadiṭṭhimitta zu mir bitten.”

Das war ungewöhnlich, und die Leute fingen zu tuscheln an, dann aber stieß Kalenian ins große Horn - sodass augenblicklich Ruhe eintrat. Kalenian sagte: Wir werden jetzt zur Feier des Tages den Choral `Fürchtet euch nicht´ anstimmen.”

Das war der getragenste und feierlichste Musikstück, das er bis dahin komponiert hatte. Die Feiertagsgemeinde freute sich, diesen Choral, den alle gern mitsangen, anzustimmen. Dann öffnete sich die Tür und Amita erschien. Während alle mit Inbrunst sangen, blickten sie zur Tür, was sich dort tat. Und dort erschien jetzt ein weiterer Mönch – und das obwohl doch beide Mönche und die Nonne, die sie hatten, auf der Bühne standen! Dannfolgte  ein zweiter und ein dritter, anschließend noch drei Nonnen und alle gingen nach vorn, stellten sich neben Bhikkhunī Manisha auf, also fünf Mönche und vier Nonnen, keiner der Dorfbewohner hatte jemals so viele Ordinierte gleichzeitig gesehen.

Als der Choral verstummte, trat Amita vor die Gemeinde und sagte: Die Mettā-Sangha hat heute wieder einen weiteren Schritt voran gemacht. Ihr habt die Eremitagen in letzter Zeit Kloster genannt - was natürlich nicht ganz exakt ist, denn ein Kloster sollte mindestes sieben Mönche oder Nonnen haben. Wenn ihr jetzt zählt, so könnt ihr festellen, dass diese Zahl erfüllt ist. Ab sofort wohnen in unseren Kloster, das aus einem Mönchsheim und einem Nonnenheim besteht, insgesamt neun Ordinierte. Drei davon sind euch bekannt. Ich werde euch jetzt die anderen vorstellen, da ist zunächst Muditadakini - ihr könnt ruhig Beifall klatschen!”

Muditadakini ging jetzt zu Amita, die ihrerseits der Gmeinde erklärte: Ihr kennt Muditadakini bereits. Es ist niemand anders als meine Tochter Maria. Ich bin stolz darauf, drei so hervorragende Kinder zu haben: Taracitta, die einst meine Arbeit und die von Yuz hier fortführen wird, Mahadevamitta, der einst als Nilay von hier wegging und dann als Mönch wiederkehrte, und jetzt auch Muditadakini. Wir haben übrigens mit unseren neuen Mönchen und Nonnen besprochen, dass diese untereinander die Ordensnamen verwenden. Wir Nichtordinierte reden sie aber weiter mit ihrem uns bekannten Namen und dem Zusatz `Bhikkhunī´ für Nonne bzw. `Bhikkhu´ für Mönch an. Ich präsentiere euch also als erstes meine Tochter Bhikkhunī Maria! Liebe Freundinnen und Freunde, wir haben jetzt nicht nur die Mettā-Sangha, wir werden auch einen Mettā-Orden haben!

Als nächsten darf ich Ratnadakini – wir nennen sie Bhikkhunī Aleika - zu mir bitten!”

Natürlich stellte Amita auch Bhikkhunī Aleika ausführlich vor, ebenso Bhikkhunī Benisha (Ratnalalita) und Bhikkhunī Uma (Padmadakini). Anschließend die drei Mönche Bhikkhu Dharmacalin, Bhikkhu Dharmasura und Bhikkhu Dinesh (Dharmadaka).

Nach der Veranstaltung saß man noch lange in den beiden Gasthöfen zusammen und besprach die Veränderungen, die das für das Dorf bedeutete. Es fiel gar nicht auf, dass die Ordinierten, eine nach dem anderen gingen und sich in ihren ehemaligen Eremitagen, die sie jetzt Kloster nannten, zurückzogen.


Der Mettā-Orden auf Probe

Am nächsten Morgen trafen sich die beiden Geschwister, die jetzt Bhikkhunī Maria und Mahadevamitta hießen. Bhikkhunī Maria fragte ihren Bruder: Amita hat mich gestern völlig überrascht mit dem, was sie bei unserer Vorstellung gesagt hat. Sie sprach, davon, dass wir jetzt ein Kloster hätten - aber weder haben wir sieben Mönche noch sieben Nonnen, und dass dieses eine Kloster zwei Wohnheime habe. Hat sie das mit dir vorher besprochen?”

Nein, Schwester, ich war genauso überascht wie du. Wir sollte uns da auch von niemandem hereinreden lassen. Amita hat den Nonnenstand vor langer Zeit aufgegeben, ebenso wie Yuz den Mönchsstand. Ich denke, wir sollten uns selbst verwalten. Und nur weil wir beide von Yuz und Amita abstammen, kann das nicht bedeuten, dass wir deshalb den – oder die beiden Orden – zu leiten haben.”

Was hältst du davon, dass wir eine Versammlung aller Ordinierten – Mönchen und Nonnen – einberufen, und gemeinsam entscheiden, wie es weitergehen soll?”

Mahadevamitta stimmte ihr zu: So machen wir das, und zwar am besten gleich heute. Ich schlage vor: eine Stunde nach dem Mittagessen und zwar hier, zwischen den beiden Eremitagen. Ist das für dich in Ordnung.”

Gut, dann sage ich den Nonnen Bescheid und du den Mönchen.”

So verfuhr man, und da alle beim alten Gasthof zum Essen waren, kam man bereits dort ins Gespräch, dabei schlug Sammadiṭṭhimitta vor: Was haltet ihr davon, wie setzen uns hier gleich an einen Tisch - etwas abseits - und besprechen alles dort.”

Von mir aus, SDM3!” sagte Mahadevamitta, er sah darin zwar keinen Vorteil, aber SDM, wie er seinen älteren Kollegen von nun an der Einfachheit halber anredete, war nun einmal der Erstordinierte unter ihnen allen. Von daher hatte er einen gewissen Respekt vor ihm. Er sah sich um und das schien auf Zustimmung zu stoßen.

SDM sagte auch seine Bedenken gleich: Amita hat gestern von einem gemeisamen Orden gesproche - das halte ich für gefährlich. Männer und Frauen gemeinsam, da werden doch früher oder später unangemessene Beziehungen entstehen. Das ist auch der Grund, warum schon der Buddha zwei getrennte Orden gegründet hatte.”

Bhikkhunī Maria nickte: Da hast du recht. Der Buddha hat das damals aus gutem Grund gemacht. Aber wir müssen untersuchen, ob das für uns genauso gelten muss oder ob wir hier ganz andere Voraussetzungen haben. Außer dir und Bhikkhunī Manisha sind alle in der Mettā-Sangha aufgewachsen. Wir alle hatten ein Umfeld, in dem der Dharma geschätzt, verehrt und praktiziert wird. Wir alle hatten in unserer Jugend Verlangen nach einem Partner oder einer Partnerin. Und doch haben wir uns bewusst gegen diese Option entschieden, niemand hat uns dazu gedrängt. Es ging auch nicht um Sicherheit für Menschen in Not, die diese außerhalb unseres Dorfes, draußen in Bhārat Gaṇarājya, manchmal in einen Orden treiben. Wir hatten alle Sicherheit - unsere materiellen Bedürfnisse waren erfüllt. Wir haben dann einige Zeit in der Eremitage gelebt, aber auch da hatten wir Kontakt mit der ganzen Mettā-Sangha, dennoch haben wir uns für diesen zölibatären Weg entschieden. Daher meine ich, wir können über Alternativem nachdenken.”

Bhikkhunī Manisha stimmte dem zu: Das was Bhikkhunī Maria gesagt hat, überzeugt mich. Es wird dennoch früher oder später vorkommen, dass ein Mönch oder eine Nonne sagt: `Nein, meine Entscheidung war falsch´. Dass er oder sie eine Familie gründen will. Na und? Dann tritt er oder sie eben aus dem Orden aus. Aber das wird die Ausnahme sein. Was wir allerdings tatsächlich beibehalten sollten, sind getrennte Wohnhäuser für Männer und Frauen. Wer Mönch oder Nonne ist, muss zölibatär leben oder aus dem Orden austreten. Und es muss auch nach außen sichtbar sein, dass wir zölibatär leben - daher die absolut getrennten Wohnhäuser, auch keine gegenseitigen Besuche. Wenn ein Mönch eine Nonne sprechen will, dann in der Öffentlichkeit. So wie wir das ja gerade eben auch machen.”

Bhikkhu Dinesh brachte einen weitern Punkt auf: Es gibt einen Schnittpunkt, wo ich denke, da müsste eine gemeinsame Institution her, das ist der Pāḷi-Kanon. Wir haben nur eine gemeinsame Kopie – in 45 Büchern. Ich denke, wir brauchen einen Platz, in dem sowohl Mönche als auch Nonnen den Pāḷi-Kanon studieren können, und der sollte zweckmäßigerweise in der Nähe unserer Wohnhäuser sein.”

SDM fragte: Warum haben wir eigentlich nur eine Kopie? Es besteht immer die Gefahr, dass dieser etwas zustößt, dass sie von Ratten oder Mäusen angefressen wird zum Beispiel. Es gibt hier einige Leute, die schreiben können. Warum erstellen wir also nicht eine zweite Abschrift? Außerdem gibt es inzwischen in Puruschapura eine Kopie des Sanskrit-Kanons. Warum schicken wir nicht jemanden hin, diese zu kopieren, oder zumindest Teile davon. Dort wird derzeit an einer Abschrift gearbeitet. Wir könnten auch hier eine Pāḷi-Kanon-Abschrift erstellen und Teile daraus dem Kloster in Puruschapura im Austausch gegen Bände, die wir nicht haben, anbieten.”

Mahadevamitta (MDM) freute sich über diese Beiträge: Gut - was haltet ihr davon, wenn drei Leute von uns gleich nächste Woche beginnen diesen gemeinsamen Leseraum zu bauen? Ich erkläre mich bereit, dabei mitzumachen und hinterher auch etwas zu kopieren, ich würde euch dann bitten, dass einer oder eine von euch mich dabei unterstützt. Über die Wohnsituation scheint Einigkeit zu bestehen. Wir können probeweise einen Orden gründen also einen sowohl für Mönche als auch für Nonnen - ich würde vorschlagen mit zwei Personen, die diesen gemeinsam leiten, eine Nonne und ein Mönch. Sollte sich das nicht bewähren, trennen sich die beiden Teile wieder. Wir sollten auch schauen, dass allmählich auch Nonnen oder Mönche im Schulunterricht eingesetzt werden, vielleicht insbesondere bei den älteren Schülern und den Studierenden.”

Ratnalalita (=Bhikkhunī Aleika) merkte an: Wir müssen auch überlegen, wie künftig Entscheidungen getroffen werden. Werden wir – wie jetzt – immer alles gemeinsam diskutieren? Ich finde das wird schwierig, wenn wir mehr werden. Ich schlage vor, dass wir – wie im Kloster – einen Abt oder eine Äbtissin haben, in unserem besonderen Fall: sowohl einen Abt als auch eine Äbtissin, die unser Kloster gemeinsam leiten.”

Prima”, sagte SDM, und ich schlage dafür Bhikkhunī Maria und Mahadevamitta vor. Allerdings nicht weil sie die leiblichen Nachfolger von Amita und Yuz sind, sondern obwohl sie es sind. Ich denke, sie sind einfach die geeignetsten.”

So kam es, dass man für zunächst fünf Jahre – also gewissermaßen auf Probe – einen gemeinsamen Orden, den Mettā-Orden mit der frisch ordinierten Bhikkhunī Maria und mit Mahadevamitta als die beiden Leitenden hatte. Es wurde auch ein gemeinsamer Leseraum errichtet.


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1  Dieses Kapitel spielt im Jahr 77 u. Z.

2 Diṭṭhimitta“ bedeutet „Freund von Ansichten“. Da jede Ansicht einseitig ist, hat der Buddha alle Ansichten als „falsche Ansicht“ abgelehnt, lediglich „samma diṭṭhi“ hat er gelobt, ein Ding von allen Seiten, also auch von innen zu betrachten. Samma ditthi ist ein Glied es Edlen Achtfältigen Pfades. Man kann wohl sagen, dass der Ordensname „Diṭṭhimitta“ eine gewisse Missbilligung enthielt, während in seinem neuen Namen eine klare Würdigung seiner Weiterentwicklung zu sehen ist.

3 SDM steht für Sammadiṭṭhimitta, MDM für Mahadevamitta – so wurden die beiden von anderen Ordinierten angesprochen. Offiziell wurden die Namen aber voll ausgesprochen und es wäre ausgesprochen unhöflich gewesen, wenn Nichtordinierte Ordensmitglieder mit dem Kürzel angesprochen hätten.


Erläuterungen

Bhārat Gaṇarājya – (Sprache: Hindi) indische Bezeichnung für Indien

Ākāśaloka – ākāśa = blauer Himmel, Weltraum, Universum; loka = Ort, Lokalität; dannbedeutet also ākāśaloka = “Himmelsort”, “himmlischer Ort” oder eben “Ort deshimmlischen Friedens. In dieser Erzählung heißt, das Pflegeheim und Krankenhaus so.

Bhārat Gaṇarājya – (Sprache: Hindi) indische Bezeichnung für Indien

Bhikkhu = Mönch
Bhikkhuni = Nonne

Buddha – wörtlich: Erwachte/r; eine Person, die das Ziel des Buddhismus erreicht hat und damit befreit ist von den Fesseln des Ichglaubens.

Dharmahier gewöhnlich die Bezeichnung für die Lehren des Buddha. DasWortbedeutet Wahrheit, (Natur-)Gesetz, Wissenschaft, Lehre.

Karma – im Buddhismus jede absichtlich ausgeführte Handlung. Es wird davon ausgegangen, dass Handlungen Folgen haben, die (auch) auf den Verursacher zurückwirken. Im Hinduismus hingegen wird meist davon ausgegangen, dass es karmisch heilsam sei, sich an die Regeln und Beschränkungen seiner Kaste zu halten und die Brahmanen (bezahlte) Opfer für einen bringen zu lassen.

Mettā(Pāḷi) eine sehr positive Emotion: Wohlwollen, Zuneigung,(nichterotische)Liebe, oft als „liebende Güte“ übersetzt. Mitunter wird sie auch als „Allgüte“ bezeichnet, denn Mettā soll allen Wesen in gleicher Weise entgegen gebracht werden. Es ist das,was beispielsweise Jesus meint, wenn er sagt, man solle nicht nur seinen Nächsten lieben wie sich selbst, sondern sogar seinen Feind.

Mettā BhāvanāMeditation zur Schaffung von Bedingungen damit Mettā entsteht, normalerweise in fünf Phasen geübt (1) mettā für sich selbst, (2) für einen guten, edlen Freund/Freundin, (3) füreineneutral besetzten Person, (4) für eine schwierige Person (Feind) und (5) für allen fühlenden Wesen. 

Mettā-Orden – Orden der Mönche und Nonnen der Mettā-Sangha

Mettā-Sangha – Bezeichnung für die von Yuz und Amita gestiftete Spirituelle Gemeinschaft

Pāḷi-Kanon – älteste Schriftensammlung des Buddhismus, hier sind u.a. die Lehrreden des Buddha enthalten.

Prakrit (Sanskrit: prākṛta) ist die Bezeichnung für diejenigen indoarischenSprachen,die in der sprachgeschichtlichen Entwicklung auf das Altindische folgten. Sie wurden etwa in der Zeit vom 6. Jahrhundert v. Chr.bis zum 11. Jahrhundert n. Chr. gesprochen.

Puruschapura - Heute heißt die Stadt am östlichen Ausgang des Chaiber-Passes Peschawar und hat 2 Mio. Einwohner; zu Jesu´ Zeiten war die Stadt erst vor wenigen Jahrzehnten von den buddhistischen Königen Gandharas gegründet worden.

Sanghaspirituelle Gemeinschaft, meist für die Gemeinschaft der SchülerinnenundSchüler des Buddha. (Zur Sangha in engeren Sinn gehören nur Mönche und Nonnen, zur Sangha im engsten Sinn nur Erleuchtete.) – (sanskr., auf Pāḷi: saddhā) gläubiges Vertrauen, Vertrauen in die drei Juwelen

Sanskrit-Kanon – Sammlung buddh. Schriften, alle Exemplare wurden während der islamischen Besatzung Indiens vernichtet, es gibt aber noch Übersetzungen davon in Chinesischer Sprache.

Theravāda - eine der frühen Schulen des Buddhismus, die einzige davon, die noch existiert. Theravāda bedeutet „Schule der Älteren“, was darauf hinweisen soll, dass ihre Anhänger den Buddhismus so praktizieren, wie das der Buddha selbst gemacht hat. Bei ihnen stehen die Lehrereden des Pāḷi-Kanon, der ältesten buddh. Schriften im Mittelpunkt.

Uposatha – heißt wörtlich Fastentag. Alle sieben Tage ist Fastentag: bei Neumond, bei Vollond und bei Halbmond (es galt der Mondkalender). An diesen Tagen waren die Laienanhänger der Jains dazu aufgerufen zu leben wie die Mönche an den übrigen Tagen, die Mönche aber fasteten. Die Regeln bei den Buddhisten sind anders, dort sollen zwar die Laien auch enthaltsam leben und auf alle Unterhaltung (Musik, Gesang, Theater) verzichten. Die Mönche machen an diesem Tag das “Eingeständnis von Fehlern”, eine Art Beichte.


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