Horst
Gunkel, Band
4 der Metta-Sangha-Saga: Nilay - der Sohn Jesu - Kapitel 1
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am 28.12.2025
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Mehr als fünfzehn Jahre zuvor, als sie gerade 13 Jahre jung war, war sie mit dem Dharma, der Lehre des Buddha, in Berührung gekommen. Ihr Bruder Nilay hatte sie damals zum Kloster Weiße Wolke mitgenommen, einem Mönchskloster, vor dem sie die Essensspenden der Bewohner der Stadt Chatra für die Mönche abluden. Nilay hörte dort Vorträge eines Mönchs. Leider war dieser Mönch ziemlich hochnäsig und ließ die Laien spüren, dass sie in seinen Augen nur Menschen zweiter Klasse waren, sodass von den fünf jungen Männern, die sich von diesem Mönch unterrichten ließen, inzwischen drei abgesprungen waren.
Dann jedoch sollte ein anderer Mönch sie unterrichten, ein erst unlängst ordinierter Mann namens Devamitta1. Der Abt des Klosters Weiße Wolke, er hieß Aryamitta, stellte Nilay und seinem Freund ihren neuen Lehrer Devamitta vor, nachdem Santosh, Nilays Freund, ihm mitgeteilt hatte, dass sie diesmal nur zu zweit waren. Santosh hatte gesagt, dass der dritte Schüler an diesem Tag verhindert sei. Doch Devamitta und der Abt wussten beide, dass dieser wegen des ungeschickten Verhaltens des früheren Lehrers weggeblieben waren.
„Aha”, hatte Aryamitta gesagt, „das kann ja vorkommen, dass man einmal verhindert ist. Ich habe für euch jetzt einen passenderen Ansprechpartner, nämlich Devamitta. Ich glaube ihr werdet viel Freude aneinander haben, vielleicht kommt ja auch Yathavan oder ein anderer von den jungen Männern wieder.”
„Oder auch von den Frauen, der Dharma ist schließlich nicht nur für Männer gut!” ergänzte Devamitta – zur Verwunderung von Aryamitta, der eine Augenbraue nach oben zog, jedoch nichts sagte, sondern sich mit einem Kopfnicken zurückzog.
Das, was Devamitta da vorgeschlagen hatte, war äußerst ungewöhnlich, denn Frauen ist nicht nur das Betreten des Klosters verboten, Mönche sollten vielmehr am besten gar nicht mit Frauen reden, damit sie nicht in Versuchung kamen.
Amita, die mit dem Abladen der Essensspenden für die Mönche beschäftigt war, aber war hellhörig geworden. Sollte sie vielleicht auch die Chance bekommen, die Lehre des Buddha, von der ihr Bruder Nilay so schwärmte, zu hören? Sie sprach Devamitta an: „Habt Ihr das ernst gemeint, Devamitta, dass auch Frauen den Dharma hören dürfen?”
„Aber selbstverständlich, meine Liebe, der Buddha hat seine Lehre für alle Menschen dargelegt, völlig unabhängig davon, welchem Glauben sie angehören, welchem Geschlecht und welcher Kaste. Ihr könnt mich übrigens duzen, alles andere klingt so schrecklich förmlich und distanziert.” Devamitta sah, die erstaunten Gesichter der beiden jungen Männern und er bemerkte auch, wie sie leicht zusammenzuckten, als er das Wort Kaste aussprach, denn die Kastenschranke zwischen den Menschen war damals in Indien noch höher als die zwischen den Geschlechtern.
Und tatsächlich unterrichtete Devamitta von da an außerhalb des Klosters, denn dort durften weiterhin keine Frauen herein, den Dharma auch für Frauen und Angehörige aller Kasten.
Später ging Amita mit Nilay und Devamitta auf eine Pilgerwanderung nach Bodh Gaya, wo der Buddha etwa 500 Jahre zuvor sein Erwachen hatte. Dort allerdings verschwand Amita aus dem Blickfeld ihres Bruders und von Devamitta und ließ sich als Nonne ordinieren. Dass sie das tat, war auch der Tatsache geschuldet, dass die damals 13-jährige Amita sich in den zehn Jahre älteren Devamitta verliebt hatte. Und auch diesem ging das junge Mädchen lange nicht mehr aus dem Sinn.
Über zehn Jahre lebte Amita alsdann im Kloster Ghora Katora, und hatte keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie. Sie wurde bald ordiniert und war die gelehrigste unter den Nonnen des Klosters. Sie drang tief in den Dharma ein und beschäftigte sich außerdem mit der Behandlung geisteskranker Menschen, also solchen, die als von einem Dämonen besessen galten.
Doch nachdem sie gut zehn Jahre in dem Kloster gelebt hatte, verspürte sie den Drang auf Wanderschaft zu gehen. Es war genau zu der Zeit als Jesus in Jerusalem vor Pontius Pilatus stand. Ihrer bemächtigte sich damals eine große Unruhe und sie gestand ihrer Äbtissin, dass sie das Kloster verlassen würde. Die Leiterin des Klosters war entsetzt, denn einer allein umherziehenden Nonne drohten Gefahren durch wilde Tiere und üble Männer. Aber Amita hatte sich nicht beirren lassen, sie war einer inneren Stimme gefolgt – oder war es eine äußere? Und diese Stimme hatte sie ins Kaschmirtal geführt.
Dort kam sie an dem gleichen Tag an wie Jesus, der sich nach seiner „Auferstehung” nach Bhārat Gaṇarājya, wie Indien in der Landessprache Hindi schon damals hieß und auch heute noch heißt, abgesetzt hatte. Sie legte ihr Nonnengewand ab und wurde zur Lebensgefährtin Jesu. Ein Jahr später war das erste Kind des jungen Paares zur Welt gekommen: Taracitta, ein Mädchen. Nach zwei weiteren Jahren wurde Amita von ihrer zweiten Tochter Maria entbunden, und nunmehr, fünf Jahre nach ihrer Ankunft im Kaschmirtal, war sie ein drittes Mal hochschwanger.
In diesen vergangenen fünf Jahren hatte Amita zusammen mit ihrem kongenialen Lebensgefärten Jesus, den hier alle nur Yuz nannten, eine spirituelle Gemeinschaft aufgebaut. Sie hatten die Unterstützung eines Grundbesitzerpaares gewonnen, bei denen die beiden erfolgreiche Dämonenaustreibungen und Kranken-behandlungen durchgeführt hatten. Inzwischen waren zahlreiche spirituell orientierte Siedler hierhergezogen, um den Lehren von Amita und Yuz zu lauschen. Man hatte ein richtiges kleines spirituell orientiertes Dorf gegründet, die Mettā-Sangha.
An diesem Vormittag saß die hochschwangere Amita zusammen mit der einarmigen Amandita, im Garten des Gasthofs (des ehemaligen „Herrenhauses”). Amandita war die Tochter der ehemaligen „Herrschaften”, von Jagan und der gelähmten Sita. Amanditas einziger Sohn Raj-i war genauso alt, wie Amitas Tochter Taracitta und natürlich spielten die beiden Vierjährigen gerne miteinander, neuerdings am liebsten das Spiel „Vater, Mutter, Kind”. Raj-i war in diesem Spiel der Vater, Taracitta die Mutter und die zweijährige Maria war dann natürlich das Kind.
„Kind,
musst du dich denn immer so schmutzig machen!” sagte Raj-i,
der kleine Vater.
„Aber
Mann, Kinder machen sich nun mal schmutzig, du musst die Wäsche ja
nicht waschen, das mach ich schon”, sprang Taracitta, die
kleine Mutter, dem `Kind´ bei. Dann fasste die Vierjährige sich an
den Bauch und sagte: „Außerdem
bekommen wir bald ein zweites Kind. Ich weiß noch gar nicht wie ich
es nennen soll.”
Jetzt sah sich der vierjährige Raj-i in seinem
Vaterrechten bedroht: „Wieso
du? Ich bin schließlich der Vater, ich werde den Namen des Kindes
aussuchen.”
„Wirst
du nicht, schließlich bin ich es, die das Kind bekommt!”
„Aber ich bin der Vater, und der ist wichtiger!”
Jetzt schaltete sich Raj-is Mutter Amandita ein: „Glaubst du wirklich, dass der Vater wichtiger für das Kind ist als die Mutter, Raj-i? Möchtest du vielleicht zurück zu deinem ach so wichtigen Vater Javāharlāl?”
Das war eine Frage, die ihren Sohn zum Nachdenken
bringen sollte, denn Raj-is Vater, ein Krieger, war seit dem letzten Krieg sehr
aggressiv geworden; wer weiß, was er dort alles erlebt hatte. Er
hatte seine Frau, also Amandita misshandelt und auch auch den kleinen Raj-i, den hatte er unter
anderem einmal mit einem Fußtritt an die Wand gekickt. Amandita hatte daraufhin ihren
Mann verlassen und war hierher in die Mettā-Sangha geflohen, zu ihren Eltern Jagan und Sita, aber auch zu Amita und Yuz, denn diese beiden verehrte sie sehr.
Daraufhin war der wütende Javāharlāl hier aufgetaucht und hatte ihr – Amandita – mit einem Schwert den linken Arm abgeschlagen. Nur durch das beherzte Eingreifen von Yuz und die sofortige Wundbehandlung durch Amita konnte ihr Leben gerettet werden. Daher also fragte Amandita ihren Sohn: „Glaubst du wirklich, dass der Vater wichtiger für das Kind ist als die Mutter, Raj-i? Möchtest du vielleicht zurück zu deinem ach so wichtigen Vater Javāharlāl?”
Raj-i sah betreten zu Boden: „Nein, eigentlich nicht.” Und nach kurzem Nachdenken ergänzte er: „Aber die anderen Kinder sagen, der Mann sein wichtiger als die Frau, und der Vater habe das Sagen in der Familie, nicht die Mutter.”
„Und findest du, dass sie recht haben?”
„Ich weiß nicht, Mutter. Eigentlich nicht. Mein Vater ist ein ganz schlimmer Mann, und der soll nicht über mich bestimmen dürfen. Aber die anderen Kinder sagen, der Mann sei wichtiger.”
Amandita sah hilfesuchend zu Amita. Diese nahm den Blick als Einladung, in das Gespräch einzugreifen: „Was meinst du Raj-i, wie kommen die andern Kinder darauf? Woher haben sie den Glauben, dass der Mann wichtiger sei als die Frau?”
Raj-i dachte einen Moment nach, dann sagte er: „Vermutlich doch von ihren Eltern. Oder weil das alle oder jedenfalls die meisten sagen.”
Amita nickte. „Da hast du sicher recht, das sagen viele Leute, aber deshalb muss es ja nicht richtig sein. Was möchtest du Raj-i, wer soll über dich bestimmen, deine Mutter oder dein Vater?”
„Natürlich lieber meine Mutter, weil die ein guter Mensch ist.”
„Schau mal, ich bekomme bald wieder ein Kind, wie du weißt. Was meinst du, wer sollte den Namen dieses Kindes bestimmen?”
Jetzt musste Raj-i angestrengt nachdenken, dann kam ihm eine Idee: „Also ich habe eben gesagt, dass ich möchte dass über mich meine Mutter bestimmt und nicht mein Vater, weil sie ein guter Mensch ist. Aber bei euch ist das anders. Du bist ein sehr guter Mensch, Amita, das weiß jeder im Dorf, aber Yuz ist auch ein sehr guter Mann. - Vielleicht solltet ihr einfach darüber sprechen und einen Namen aussuchen, den ihr beide gut findet.”
Jetzt klatschte Amandita vor Freude in die Hände und auch Amita freute sich: „Ganz ausgezeichnet, Raj-i, du hast selbst die Lösung gefunden. Es ist immer besser, selbst nachzudenken als einfach etwas nachzuplappern, was andere sagen. Allerdings wenn man inzwischen gemerkt hat, dass manche Menschen besser oder weiser sind als andere, dann ist es vielleicht nicht falsch, auch diese Weisen nach ihrer Meinung zu fragen.”
Taracitta hatte die ganze Zeit nachdenklich dabei gestanden. Jetzt fragte sie ihre Mutter: „Wer hat eigentlich meinen Namen ausgesucht?”
„Ich glaube, das war ich, Taracitta. Wie du weißt verehre ich eine himmlische Kraft, die gewöhnlich als eine Frau mit grüner Haut dargestellt wird.”
„Natürlich Mutter, die Grüne Tara, deren Rupa im Tempel steht. Sie steht für ganz großes Mitgefühl und Hilfsbereitschaft für alle, die Hilfe brauchen.”
„Richtig Taracitta, und dein Name bedeutet `deren Herz und Geist wie der von Tara ist´. Und als ich dich kurz nach der Geburt das erste Mal sah, da wollte ich, dass du so wirst wie die Grüne Tara, daher wollte ich dir den Namen Taracitta geben.”
Taracitta schien das einleuchtend, aber da war doch ein leichter Zweifel, etwas stimmte da nicht ganz, denn sie fragte nach: „Und du hast den Papa gar nicht gefragt?”
„Nein, richtig gefragt habe ich ihn nicht, aber ich habe auch nicht allein entschieden. Als ich dich damals erstmals sah, sagte ich: `Ich möchte das Kind Taracitta nennen´. Und Yuz hat daraufhin gesagt: `Einen schöneren Namen hättest du dir nicht ausdenken können´. Man kann also sagen, ich habe einen Vorschlag gemacht und dein Vater hat freudig zugestimmt.”
Raj-i wollte es aber jetzt noch genauer wissen: „Als ihr dann das zweite Kind bekommen habt, die Maria, wie habt ihr es da gemacht?”
„Wie hättest du es denn gemacht Raj-i, was glaubst du, was das angemessene gewesen wäre.”
Der Junge dachte einen Moment nach, dann sagte er: „Also nachdem du beim ersten Mal den Vorschlag gemacht hast, fände ich es nur gerecht, wenn jetzt Yuz den Vorschlag macht!”
„Weil er der Mann ist?” wollte Amita wissen.
„Nein, aber weil es nur fair wäre, nachdem du beim ersten Mal den Vorschlag gemacht hast.”
Amita nickte: „Das habe ich mir auch gedacht, wie ihr wisst, war das zweite Kind wieder ein Mädchen...”
„Das war ich!” rief jetzt Maria, die versucht hatte, dem Gespräch zu folgen.
„Genau, das warst du!” Amita nahm ihre jüngere Tochter auf den Schoß, wo wegen ihres Babybauchs nicht viel Platz war. „Und daher habe ich Papa gefragt, welchen Namen er für dich vorschlagen würde.”
„Aber warum hat er `Maria´ gesagt, so heißt doch sonst kein Mensch!” wunderte sich Raj-i.
„Damit hast du nicht ganz recht, Raj-i, so heißen sehr viele Leute, aber nicht hier in Bhārat Gaṇarājya, wohl aber im Römischen Reich, einem anderen sehr großen Land. Dort kommt der Yuz nämlich her und dort heißen ganz viele Frauen Maria2, und so hieß auch die Mutter von Yuz. Und übrigens auch zwei Jüngerinnen von ihm.”
Taracitta war jetzt aber neugierig geworden: „Und wie macht ihr es diesmal, habt ihr schon einen Namen, für das neue Baby?”
„Wir wissen doch noch gar nicht, ob es ein Mädchen oder ein Junge wird.”
„Ich glaube es wird ein Junge!” sagte Taracitta bestimmt. „Aber wer entscheidet diesmal?”
„Wir werden wie immer eine gute Lösung finden. Es ist völlig egal, wer etwas vorschlägt. Wir finden immer eine gute Lösung. Und wie finden wir die?”
„Gemeinsam!” sagte Taracitta. Alle lachten, alle außer Raj-i, der nachdenklich dreinschaute. Er seufzte: „Ich wünschte meine Eltern würden auch gemeinsam entscheiden.”
Amita strich ihm zärtlich über den Kopf: „Weißt du, was noch wichtiger ist?” Der Junge schüttelte den Kopf, daher erklärte es ihm Amita: „Das Allerwichtigste ist, dass du, und alle anderen Kinder auch, lernen, dass man gemeinsam entscheidet. Nur wenn etwas alle Beteiligten gut finden, dann ist es wirklich gut.”
Zu diesem Zeitpunkt wusste allerdings noch keine der an diesem Gespräch beteiligten Personen, wie schnell kurz darauf eine Namensentscheidung getroffen wurde, denn noch am gleichen Abend setzten bei Amita die Wehen ein. Als dies der Fall war, ging Yuz zu Reena und Yuva, zwei junge Frauen, die als Geburtshelferinnen in Frage kamen, und bat sie, in ihr Haus zu kommen; die beiden fühlten sich geehrt und begannen sofort mit den Vorbereitungen.
Es war für alle Beteiligten eine recht unruhige Nacht, aber die Geburt vollzog sich dann in den frühen Morgenstunden völlig problemlos. Und das Kind – ein Knäblein – ließ seinem ersten Schrei zeitgleich mit dem ersten Hahnenschrei des neuen Tages erklingen. Yuz nahm Yuva das kleine Wesen ab, um es seiner Mutter ans Herz zu legen, aber als er sah, wie der Säugling erstmals die kleinen Augen aufschlug, stutzte er – diese Augen kamen ihm bekannt vor!
Er gab das kleine Wesen Amita, die schon sehnsüchtig darauf wartete, jetzt lag der Kleine auf seiner Mutter und öffnete etwas die Augen, Yuz betrachtete seine Frau genau, sah ihren erstaunte Blick. Dann sah Amita Yuz an, der nickte, und Amita fragte ihn: „Du hast es auch gesehen?” - „Ja, ganz unverkennbar, es sind die gleichen Augen.”
Yuz lehnte sich zurück: „Damit dürfte wohl auch die Namensgebung recht einfach werden!”
Amita gab ihrem Säugling einen Kuss: „Willkommen auf der Erde, willkommen in der Mettā-Sangha, Nilay!”
Und in der Tat hatte das Kind nicht nur die gleichen Augen wie sein Onkel, im Laufe der Zeit wurde die Ähnlichkeit im Aussehen, aber auch in der Art zu reden, mit Amitas Bruder immer deutlicher. Yuz kannte Amitas Bruder Nilay gut, denn Nilay er war einst – wie auch Amita – Yuz Schüler, damals im Kloster Weiße Wolke. Und sie hatten dann gemeinsam zu dritt diese Reise nach Bodh Gaya unternommen, bei der Amita dann verschwand, um ins Kloster zu gehen. Ihr Bruder und sie hatten sich also sehr lange nicht gesehen, aber Amita wusste, dass ihr damaliges Verschwinden für ihren Bruder ein großes Problem war. Nilay hatte damals die Reise nach Bodh Gaya nämlich auf Amitas Drängen hin unternommen. Ihre Eltern wollten nicht, dass sie diese Reise unternahm. Sie war bereits einem jungen Mann versprochen. Die Ehe war bereits arrangiert und die offizelle Vermählung sollte im folgenden Jahr sein. Amita aber hatte ihren Eltern gesagt, dass ihr Mann sie dann bestimmt nicht mehr reisen ließe. Jetzt sei ihre einzige Chance. Und Nilay hatte sich den Eltern gegenüber verpflichtet aufzupassen, dass ihr unterwegs nicht zustößt. Sie aber war in Bodh Gaya verschwunden, war in ein Kloster gegangen. Und damit hatte sie ihrem Bruder Nilay ein großes Problem aufgebürdet.
Und jetzt plötzlich war da dieses Baby, eine immerwährende Erinnerung daran, wie sehr Amita damals ihre Eltern und ihrem Bruder enttäuscht hatte. Aber es war ihre einzige Chance gewesen, das spirituelle Leben zu führen. Sie sah sich tief in Nilays Schuld. Sie wusste nicht, warum dieses Kind jetzt wie die verkleinerte Variante ihres Bruders aussah. Was hatte der Ozean der Leerheit3 mit ihm vor? Amita wusste es nicht. Noch nicht. Es sollte viele Jahrzehnte dauern, bis sie es verstand.
Fußnoten
1 Das war kein anderer als Jesus selbst, der im Kloster Unterschlupf gefunden hatte, weil die Brahmanen ihn verfolgten, denn er hatte Angehörige unterer Kasten in die hinduistischen Veden eingeführt, was im Hinduismus verboten ist.
2 In Palästina jedoch eher Miriam, wie auch Jesu Mutter hieß, Maria ist die latinisierte Form von Miriam.
3 „Ozean der Leerheit“ wird hier als Synonym für das Transzendente, das Göttliche, gesehen – etwa wie ein unpersönlicher Gott, also das Göttliche, das keine Person ist.
Erläuterungen
Bhārat Gaṇarājya – (Sprache: Hindi) indische Bezeichnung für Indien
Bodh-Gaya – Stelle, an der der Buddha sein Erwachen erreichte. Das Wort ist zusammengesetzt aus bodh- (Erwachen, Erleuchtung) und Gaya (Name der nahegelegenen Stadt)
Bodhisattva – Figur im Mahāyāna-Buddhismus. Bodhisattvas sind Wesen, die Erleuchtung nicht nur für sich selbst anstreben, sondern zum Wohl aller Wesen. (Im Theravāda wird das Wort nur für den späteren Buddha vor seiner Erleuchtung verwendet.)
Dharma – hier gewöhnlich die Bezeichnung für die Lehren des Buddha. Das Wort bedeutet Wahrheit, (Natur-)Gesetz, Wissenschaft, Lehre.
Grüne
Tārā
– Bodhisattva,
die für grenzenloses Mitgefühl zu allen Wesen steht. Sie
wird immer sitzend dargestellt, im Begriff aufzustehen,
um den leidenden Wesen aktiv zu helfen, ihre rechte Hand
zeigt die Geste der Wunschgewährung. Sie hat grüne Haut,
denn sie gehört zu einer Gruppe von grünen Wesen,
genannt die Karmafamilie. Neben der Grünen Tārā gibt es
noch 20 weitere Tārās, die Grüne Tārā ist aber die
bekannteste davon.
Kaste – die indische Gesellschaft wird gemäß der hinduistischen Religion in streng voneinander abgetrennte Kasten eingeteilt, die wichtigsten Kasten sind die Brahmanen (Sanskrit: ब्राह्मण, Priester), kṣatriya (Sanskrit: क्षत्रिय, Adel, Krieger, Beamte) und die vaiśya (Sanskrit: वैश्य = Kaufleute, Händler, Großgrundbesitzer) und śūdras (Sanskrit शूद्र, = Arbeiterklasse incl. Handwerker), darunter stehen die Dalits (Kastenlose, Unberührbare). Auf diese Art schuf der Hinduismus eine Apartheidsgesellschaft mit einer arischen Mittel- und Oberschicht, und einer indigenen Bevölkerung, die man nicht einmal berühren durfte; so sollte eine Rassenvermischung verhindern werden.
Mettā – (Pāḷi) eine sehr positive Emotion: Wohlwollen, Zuneigung, (nichterotische) Liebe, oft als „liebende Güte“ übersetzt. Mitunter wird sie auch als „Allgüte“ bezeichnet, denn Mettā soll allen Wesen in gleicher Weise entgegen gebracht werden. Es ist das, was beispielsweise Jesus meint, wenn er sagt, man solle nicht nur seinen Nächsten lieben wie sich selbst, sondern sogar seinen Feind.
Mettā Bhāvanā
– Meditation zur Schaffung von Bedingungen damit Mettā
entsteht, normalerweise in fünf Phasen geübt (1) mettā für
sich selbst,
(2) für einen guten, edlen Freund/Freundin, (3) für
eine neutral besetzten Person, (4) für eine schwierige
Person (Feind) und (5) für allen fühlenden
Wesen.
Mettā-Sangha – Bezeichnung für die von Yuz und Amita gestiftete Spirituelle Gemeinschaft
Rūpa – Form, Körper, auch die Bezeichnung für eine Buddhafigur; eines der fünf khandhas (Bestandteile eines Menschen)
Sangha – spirituelle Gemeinschaft, meist für die Gemeinschaft der Schülerinnen und Schüler des Buddha. (Zur Sangha in engeren Sinn gehören nur Mönche und Nonnen, zur Sangha im engsten Sinn nur Erleuchtete.)
Tārā – siehe Grüne Tārā
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